Prof. Andreas Günther berichtet Medizin-Senioren über Perspektiven bei der Behandlung der Lungenfibrose - Hoffnung auf Stammzelltherapie
(fod). "Die Patienten können nicht mehr tiefer einatmen, haben aber das Gefühl, dass sie das eigentlich können müssten": So beschrieb Prof. Andreas Günther seinen Zuhörern im Seniorenprogramm des Fachbereichs Medizin der Justus-Liebig-Universität (JLU), wie es alternden Menschen ergeht, die unter Idiopathischer Pulmonalfibrose (IPF) leiden. Diese häufigste aller chronischen Lungenerkrankungen betrifft in Europa jährlich fast eine Million neue Patienten. "50 Prozent von ihnen haben nur eine Überlebensrate von zwei bis drei Jahren. Vom Verlauf her ist sie vergleichbar mit Krebserkrankungen", betonte der am Gießener Lungenzentrum tätige Arzt und Forscher sowie Ärztliche Direktor der Pneumologischen Klinik Waldhof Elgershausen in Greifenstein. "Diese Form der Lungenfibrose ist also eine echte Herausforderung, der wir uns stellen und für die wir Antworten finden müssen", machte er deutlich.
Die zunehmenden Probleme beim Atmen haben ihre Ursache in einer allmählichen Abnahme der Gasaustauschoberfläche in den Lungenbläschen, den Alveolen, wo der Austausch der Atemgase Sauerstoff und Kohlendioxid mit dem Blut stattfindet. Anstatt der bei Gesunden feinen Struktur des Lungengewebes sind die Lungen fibrotischer Patienten von verdicktem Bindegewebe durchsetzt, kommt es zu Vernarbungsreaktionen und einer herabgesetzten Entfaltung des Organs. Weist die Austauschfläche bei einem gesunden etwa 200 Quadratmeter auf, ist diese beim Erkrankten stark eingeschränkt. "Der Gewebewiderstand wird so groß, dass bis zu zweieinhalb Kilokalorien an Energie täglich nur für die Atmung notwendig werden können", erläuterte der Referent.
Eine Heilung ist momentan nicht möglich. "Steroide oder immunsuppressive Medikamente helfen hier nicht weiter", so Günther. Doch Hoffnung ist in Sicht: Bis vor kurzem sei man noch davon ausgegangen, dass eine Lungenfibrose, an der mehr Menschen als an Asthma versterben, vollkommen irreversibel ist und sich die Lunge nicht mehr regenerieren kann. "Doch das stimmt nicht. Es zeigt sich hier vielmehr, dass es Sinn macht, eine Krankheit bis auf die molekulare Ebene zu verstehen, da dort Behandlungsmöglichkeiten verborgen sind", sagte der Pneumologe. Im Falle der IPF ist das Verständnis der Vorgänge in den alveolären Zellen vom Typ II ganz entscheidend.
Wie mit "Spüli" Denn diese sorgen mit ihren Zellbestandteilen nicht nur für den Gasaustausch und die Abwehr von Erregern, sondern stellen auch die Substanz Surfactant her, die laut dem Arzt einem "Spüli" gleich die Oberflächenspannung in den Lungenbläschen herabsetzt und damit den Austausch der Atemgase überhaupt erst ermöglicht.
"Man weiß, dass dieses komplexe Systeme bei Patienten mit IPF gestört ist", erklärte Andreas Günther. Aufgrund der zu hohen Spannung würden sich die Bläschen beim Atmen sofort wieder zusammenziehen. Als Folge von Fehlern bei der Produktion hieran beteiligter Proteine komme es zudem zu einer Umwandlung von Epithel- bzw. Deckzellen zu Fibroblasten-Zellen, die wiederum das Bindegewebe herstellen. Doch es finden sich ebenso vermehrt noch nicht ausdifferenzierte Stammzellen, die laut dem Mediziner für eine Therapie zur Regeneration der Lunge genutzt werden könnten. "Diese Krankheit ist eine Prototyperkrankung für eine Stammzelltherapie", folgerte Günther. Daher laufe die Forschung hierzu derzeit auf Hochtouren, unter anderem auch am Gießener Lungenzentrum.