Orchideen zu teuer
10.09.2010
Von Gesa Coordes
MARBURG. Der Botanische Garten auf den Marburger Lahnbergen bangt immer noch um seine Existenz: 600 seltene Orchideen hat die Einrichtung der Universität in den vergangenen Wochen an Kollegen aus ganz Deutschland abgeben müssen, weil sich niemand mehr um sie kümmern kann. „Das ist etwa ein Drittel der wertvollen Sammlung“, klagt Leiter Andreas Titze. Bis dahin war der Botanische Garten Marburgs bei den Wildarten die Nummer eins in Deutschland. Obwohl die Pflanzen einen Wert von 150 000 Euro haben, bekommt der Garten nicht einen Cent. Nach dem Artenschutzabkommen darf nämlich nicht mit den geschützten Orchideen gehandelt werden.
Nun können sich die Universitäten von Saarbrücken, Magdeburg, Potsdam, Berlin, Gießen, Bonn, Erlangen und Würzburg über die seltenen Arten freuen. Hauptgrund: Das Land streitet sich mit der Universität darum, wer die Kosten in Höhe von 1,6 Millionen Euro in Zukunft trägt. Die Hochschule, die bislang etwa eine Million aufbringt, will ihr Engagement fast komplett zurückfahren, weil sie nach dem neuen Hochschulpakt jedes Jahr 6,2 Millionen Euro sparen muss: „Das reicht schon nicht für Forschung und Lehre“, erklärt Unipräsidentin Katharina Krause. Der Artenschutz sei aber eine Landes- oder Bundesaufgabe.
Deshalb werden alle auslaufenden Stellen im Botanischen Garten nicht verlängert - auch, wenn es sich um Orchideen-Gärtner handelt: „Dadurch werden wichtige Bereiche unkontrolliert zerschossen“, sagt Titze. Die nächste Gefahr droht dem größten Alpinum nördlich der Alpen, wo die Stelle eines Gärtners nicht wieder besetzt werden soll. Der Spezialist ist auch für das sogenannte Ex-situ-Projekt zuständig, bei dem vom Aussterben bedrohte hessische Arten wie Arnika oder Küchenschelle gehegt, vermehrt und wieder an ihrem Ursprungsort ausgesetzt werden. Ohne den 220 Mitglieder starken Freundeskreis des Botanischen Gartens ließen sich viele Arbeiten ohnehin schon nicht mehr finanzieren. Jedes Jahr sammeln die Gartenfreunde 20 000 Euro. Sie jäten Unkraut, organisieren Führungen, Flohmarkte und Feste. „Aber ausgerechnet im Jahr der Biodiversität gibt es solche Kahlschläge“, kritisiert Vorsitzende Elisabeth Bohl. Der Freundeskreis hat knapp 10 000 Unterschriften für den Erhalt des Botanischen Gartens gesammelt. Im Juni drohte bereits die Schließung an den Wochenenden. Mit 20 000 Euro sprang die Stadt Marburg ein, damit das Kassenhäuschen weiter besetzt werden kann. Ganz übernehmen kann die Kommune den Garten aber nicht, betont Oberbürgermeister Egon Vaupel. Größter Hoffnungsschimmer: Der bisherige hessische Finanzminister Karlheinz Weimar hat bei einem Besuch vor zehn Tagen Unterstützung signalisiert. Doch Weimar wurde bei der Kabinettsumbildung durch Thomas Schäfer abgelöst. Titze: „Wie es weitergeht, wissen wir nicht.“
Mit 20 Hektar ist der erst 33 Jahre alte Neue Botanische Garten auf den Marburger Lahnbergen einer der größten Deutschlands. Er wurde von Günther Grzimek konzipiert, einem Neffen des Zoologen Bernhard Grzimek. Der Uni-Garten beherbergt 13500 verschiedene Pflanzenarten. Attraktionen sind sieben Schaugewächshäuser, große Orchideen- und Rhododendrensammlungen, das größte Alpinum nördlich der Alpen, ein Frühlingswald, ein Indianerpfad, die Grüne Schule, ein Blindenlehrpfad sowie eine einzigartige Farnschlucht, Teiche und kleine Wasserfälle. Dazu locken Murmeltiere, Schildkröten, Pfeilgiftfrösche, Geckos, Heuschrecken und ein Schmetterlingshaus, in dem die Entwicklung von der Raupe zum Falter beobachtet werden kann.
Geöffnet ist der Botanische Garten bis Ende Oktober täglich von 8 bis 18 Uhr, im Winter von 9 bis 16 Uhr. Eintritt: ein bis zwei Euro (Kinder frei)