Organspendezahlen an Uniklinikum Gießen - wie ganz Hessen - weiterhin besorgniserregend
(fod). Nach einem gewaltigen Einbruch bei den Spenderorganen im vergangenen Jahr hat sich die Statistik 2009 ein wenig verbessert. Das gilt wie bundesweit auch für das Gießener Uniklinikum. Doch nach wie vor bewegen sich die Zahlen auf einem niedrigen Niveau. Wie beim Transplantationskolloquium an der Uniklinik bekanntgegeben wurde, erhielten in diesem Jahr in Gießen 33 Patienten eine neue Niere, davon 16 durch eine Lebendspende. Bei den Herzen waren es fünf Kinder- und ein einziges Erwachsenenherz. Weitere fünf Personen empfingen eine neue Lunge. Im Vergleich mit den Menschen auf den Wartelisten erscheinen diese Zahlen jedoch wie der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein. Denn aktuell warten in Gießen 132 Patienten auf eine Nierenspende, 14 auf ein neues Herz, darunter neun Kinder, 25 Menschen auf eine Lunge sowie 13 auf eine Inselzelltransplantation und ein weiterer auf ein kombiniertes Nieren-/Inselzell-Transplantat.
Am Traurigsten jedoch sei, dass bei Organspenden die Region Mitte, wozu neben Hessen auch Rheinland-Pfalz und das Saarland gehören, deutschlandweit das Schlusslicht bildet. Dr. Thomas Breidenbach, geschäftsführender Arzt der Region Mitte, trug vor, dass vor allem Hessen mit zur Zeit 10,5 Spenden pro einer Million Einwohner sowohl dem Bundesdurchschnitt von 14,6 als auch den übrigen Bundesländern weit hinterher hinkt. Prof. Rolf Weimer, Sprecher des Transplantationszentrums Gießen und Leiter der Nierentransplantation, machte für diese verhängnisvollen Zahlen "multifaktorielle Ursachen" verantwortlich. "Neben einem Rückgang der Zahl potentieller Spender liegt ein wesentlicher Faktor in der hohen Ablehnungsrate durch die Angehörigen des am Hirntod verstorbenen Patienten", sagte der Mediziner. Mit geschätzten 60 Prozent für dieses Jahr ist die Ablehnungsquote noch höher als in vielen anderen Zentren, wo sie meist um 50 Prozent liegt. Dagegen baldige Besserung in Sicht ist bei der Transplantation von Inselzellen aus dem Pankreas (Bauchspeicheldrüse), die zuletzt in Gießen, einem der Pionierzentren dieser Form der Behandlung von Diabetes- und Nierenkranken, allerdings ganz zum Erliegen gekommen war. Ab kommendem Jahr ist hier eine enge Kooperation mit den Kollegen in Dresden geplant.
Dr. Thomas Breidenbach, geschäftsführender Arzt der Region Mitte, kritisierte zudem, dass sich 40 Prozent aller rund 200 Krankenhäuser überhaupt nicht an der Organspende beteiligen" und somit der gesetzlichen Meldepflicht potenzieller Spender nicht nachkommen. Doch auch ein anderer Trend sei erkennbar: "Die Zahl von Spendern mit einem Alter von über 65 Jahren nimmt deutlich zu, während es immer weniger Jüngere sind", teilte Breidenbach mit. Das Alter sei aber kein Einschränkungskriterium mehr.
Die von Thomas Breidenbach vorgeschlagenen Lösungen zur Steigerung der Spenderzahlen reichten von einer besseren Öffentlichkeitsarbeit bis hin zu einer Bonus-Malus-Regelung für Kliniken, abhängig von deren Beteiligung am Meldesystem. Eine so genannte Clublösung, wie jetzt in Israel eingeführt, nach der Personen mit Spenderausweis bevorzugt ein Organ erhalten, lehnte er jedoch ab: "Das wäre ethisch in Deutschland auch nicht vertretbar." Eine weitere Möglichkeit zur Verbesserung der Organspende wäre der Ersatz der jetzigen erweiterten Zustimmungslösung durch die in vielen anderen Ländern praktizierte Widerspruchslösung.
Weitere Referenten des Kolloquiums, in dessen Mittelpunkt das "Therapieziel B-Zelle" stand, waren Dr. Sönke Jessen von der Abteilung für Nephrologie und Prof. Ulf Müller-Ladner, Leiter der Abteilung für Rheumatologie und Klinische Immunologie der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim. Durch neue und gut verträgliche "B-Zell-Therapien" ist es mittlerweile möglich, gegen Blutgruppengrenzen genauso erfolgreich Lebendnierentransplantationen durchzuführen wie bei Blutgruppen-verträglichen Transplantationen. Dadurch können etwa 20 bis 30 Prozent mehr dialysepflichtige Patienten optimal durch Lebendnierentransplantation behandelt werden. Das Transplantationszentrum Gießen gehört hier zu den führenden vier deutschen Zentren. Weimer stellte die hervorragenden Ergebnisse dieses seit 2007 in Gießen durchgeführten Verfahrens dar.