Politiker gingen ohne Einkaufszettel der Schulen los und statteten Schulen neu aus
Antonia HofmannEine neue Generation Tafel hält Einzug in die deutschen Klassenräume. Sie sind sauberer, moderner und liegen voll im Trend! Auch im Vogelsberg wurden schon etliche Klassenräume damit digital aufgerüstet. Und der Feldzug gegen die alten Tafeln geht weiter: Bald sollen wie in Großbritannien - dort verfügen 70 Prozent aller Klassenräume über eine elektronische Tafel - die deutschen Klassenräume modernisiert werden.
Das Activeboard (AB), sind das neue Zaubermittel der deutschen Schulpädagogik - die neue Waffe gegen unmotivierte und lernfaule Schüler. Zumindest bedeuten sie eine grundlegende Veränderung im deutschen Schulalltag: Was 90 Prozent der Schüler liebend gerne in ihrer Freizeit vor dem heimischen PC machen, "erleben" sie nun auch in der Schule: Informationen werden mit einem USB-Stick in die Schule gebracht und direkt im Klassenraum auf das weiße Activeboard geworfen, auf dem man mit einem "Active-Pen" digital schreiben und zeichnen kann. Ein verfügbarer Internetanschluss sorgt vor Ort für aktuelles Video, Ton- und Bildmaterial. Ein Datenspeicher kann einfach an einen der Anschlüsse angestöpselt werden.
Mit der Maus wird ein Video angeklickt, und nützliche Informationen wie beispielsweise eine aktuelle Tagesschauaufzeichnung werden vor der ganzen Klasse mit dem Programm "ActivePro" abgespielt. Niemand muss mehr Tafel putzen mit Wasser, Schwamm oder Tuch. Ein Klick auf das Mülleimer-Icon, beziehungsweise ein Tippen auf den interaktiven Touchscreen, genügt, und die Tafel ist weiß: Die neuen Activeboards sind multimedial begabt!
Der Hersteller preist sein Produkt: Die neuen Boards seien intelligenter, sauberer und besser als ihre "herkömmlichen", grünen Vorgänger. Doch ob sich das auch auf die neue "Generation" Schüler, Lehrer oder den neuen Unterricht überträgt? Die Erwartungen sind groß: Werden Schüler im Vergleich zu ihren Vorgängern auch als intelligenter und leistungsstärker eingestuft, wenn sie bald nicht mehr mit einer staubigen Kreide auf einer herkömmlichen Schieferplatte herum kratzen "müssen", sondern mit einem batteriebetriebenen Stift auf einen strombetriebenen Touchscreen schreiben? Werden Schüler aktiver, wie es der Name der neuen Active-Boards verspricht, wenn Lehrer ihnen bald nicht nur gelegentlich, sondern zusätzlich Videos und Bildmaterialien als "Unterrichtsergänzung" vorspielen? Manch einer sieht das kritisch.
Lohnt es sich wirklich, dass Bildungspolitiker so viel Geld - circa 4000 Euro für jedes der Activeboards - ausgeben? Können sie die alten Tafeln, die noch völlig okay und überaus "grün" waren, nicht einfach hängen lassen? Kann man Geld nicht in andere sinnvolle Bildungsinvestitionen stecken? Weshalb soll eine gute Tafel schon jetzt entsorgt werden? Das sind Fragen, auf die sich die Politiker in Zukunft und auch schon jetzt gefasst machen müssen. Schließlich haben sie - nicht die Schüler - über die neuen Tafeln entschieden. Politiker waren - und das ganz oft ohne Einkaufszettel aus den Schulen - beim Hersteller Promethan einkaufen: Dieser erwartet, dass sich der Markt für die interaktiven White- oder Activeboards in den nächsten fünf Jahren verdreifachen wird und dass bis 2011 einer von sieben Klassenräumen weltweit mit einem interaktiven Whiteboard ausgestattet wird.
Auch im Vogelsbergkreis werden die Activeboards bald flächendeckend eingesetzt. In den nächsten drei Jahren sollen alle Klassenräume über ein Activeboard verfügen und schon jetzt sind 320 Klassenräume - etwa die Hälfte aller Klassen- und Fachräume - mit den neuen digitalen Tafeln (für rund 1 280 000 Euro) ausgerüstet.
Die Zukunft der Activeboards ist also gesichert! Auch die der Schüler?