„Mit der Lähmung ist das Leben nicht zu Ende“
12.07.2010 - LAUTERBACH
20 „Rollifahrer“ und über 40 Zaungäste beim Workshop
(ot). Da war es, und jeder der Anwesenden konnte es sehen, das Leuchten und Funkeln in den Augen von Erkan Tosun und Pierre Zagni, das Dirk Lünzer in seiner Ansprache beim ersten Workshop für Rollstuhl Rugby erwähnte. Genau dieses Funkeln hatte den Vorsitzenden des VFL Lauterbacher überzeugt, die Idee der beiden zu unterstützen, Behindertensport in Form von Rollstuhl Rugby in Lauterbach zu etablieren.
Tosun und Zagni saßen in dem speziellen Sportgerät und sausten auf Rädern mit weiteren gehbehinderten Sportlern über das Spielfeld der Großsporthalle an der Wascherde. Es ging mächtig zur Sache. Der Sport hat Dampf und es wird rasch klar, warum Rollstuhl Rugby, die paralympische Sportart, von den Kanadiern, wo der Sport herkommt, „Murderball“ genannt wird. Schrecksekunden verunsicherten die über 40 nichtbehinderten Zuschauer. Jedes Mal, wenn zwei oder mehrere Rollstühle gegeneinanderprallten und umzufallen drohten, ging ein Raunen durch die Ränge. Erstaunlich, wie beweglich und wenig zartbesaitet die Menschen mit Handicap agierten. Mit dabei auf dem Spielfeld: Ex-Nationalspieler Heiko Striehl aus Mannheim und Ex-Nationaltrainer Pierre Sam aus Bad Wildungen. Etwa 20 Rollstuhlfahrer waren dem Aufruf gefolgt, um dabei zu sein, beim Workshop und Fest der Begegnung. Teilweise legten manche Teilnehmer und Zuschauer einen langen Anfahrtsweg mit dem Auto zurück. So auch Reinhard Küper, Landessportarzt des Hessischen Behinderten- und Rehabilitationssport (HBRS). Der HBRS betreut landesweit etwa 33 000 Mitglieder, etwa 400 Vereine und 1100 Sportgruppen. Spontan war Küper von Frankfurt angereist.
Aber nicht nur der Sport stand im Vordergrund. Jens Dunkel fungierte als Ansprechpartner für eine Roll-Out- und Selbsthilfegruppe. Das Sportkreisbüro Lauterbach und Alsfeld war durch Antje Löffler vertreten. Der Höhepunkt war das Demo-Spiel Behinderte gegen Nichtbehinderte. Plötzlich existierten keine Unterschiede der Körperlichkeit mehr: Die Daseinsfreude und der Spaß bewegten sich auf einer Ebene.
Den Anstoß zur angekündigten Diskussionsrunde führte Steffen Stenger, stellvertretender Vorstand (VFL), durch. Die Befürworter und Initiatoren des Projekts kamen zu Wort. Mit in der Runde Michaela Floeth, die Paralympics-Siegerin und Trägerin des Silbernen Lorbeerblatts, aus Schlitz, die mit ihrer Anwesenheit die Bedeutsamkeit des Behindertensports in der Region und seine wachsende Lobby aus ihrer Sicht schilderte. Die beinamputierte Frau zählt zu den Spitzensportlern in der Welt. Noch ein namhafter Sportler (Schütze) im Rollstuhl, Hans-Joachim (Joschi) Geßner, saß in der Runde.
„Es gibt zu viele weiße Flecken auf der Landkarte, und diese gilt es auszuradieren“, brachte Kreistagsabgeordneter Harald Bönsel den IST-Zustand auf den Punkt. „Mit der Lähmung ist das Leben nicht zu Ende - es beginnt ein neues“, untermauerte der durch einen Unfall gehandicapte Mann.
„Ich bin bereit, solche Keimzellen wie diese zu begleiten“, signalisierte Pierre Sam Kooperationsbereitschaft. Er und Erkan Tosun kennen sich aus Bad Wildungen, wo Tosun mit Rollstuhl Rugby erstmals in Berührung kam. In Pierre Zagni fand er einen Verbündeten. Auf dem Feld kämpfen die zwei schon mal gegeneinander, aber für den Sport findet der Kampf Seite an Seite statt - für sich und alle Rollstuhlfahrer der Region, die sich ihrem Schicksal nicht bewegungslos hingeben wollen.