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Lauterbacher Anzeiger

Lokales 

Der Weihnachtsbaum steht schon...

28.11.2009

Jugendstil berichtet über den Bildungsstreik und den Alltag im besetzten Hörsaal

Johannes KuckERLANGEN. "Man müsste mal etwas dagegen tun" - ein Satz, den wahrscheinlich jeder Mensch immer wieder hört oder selbst von sich gibt, wenn ihm etwas nicht passt, wenn ihm etwas ungerecht erscheint. Den Worten endlich auch Taten folgen zu lassen - das verwirklichen zurzeit zehntausende Studenten an deutschen und europäischen Universitäten. Denn: Sie haben die Zustände an den Unis, ihre chronische Unterfinanzierung und die Fehlentwicklungen der 1999 beschlossenen Bologna-Reform einfach satt. Seit einigen Wochen wird daher in vielen Städten Europas demonstriert, treten Studenten in den "Bildungsstreik" und besetzen in diesem Zusammenhang auch Hörsäle ihrer Unis. An der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen, wo ich studiere, fing alles vor zehn Tagen an. Aus einer Demonstration für ein besseres Bildungssystem heraus wurde das Audimax, unser größter Hörsaal, spontan besetzt. Doch worum geht es den Besetzern und was passiert seitdem im Audimax?

Julia Hornung (22), die aus Crainfeld stammt und in Erlangen Theaterwissenschaften und Germanistik auf Bachelor studiert, erklärt ihre Beweggründe, warum sie sich dem Streik und der Besetzung gleich am ersten Tag angeschlossen hat, so: "Das Studium, so wie es momentan ist, ist nicht das, was ich mir unter einem Studium vorgestellt habe." Konkret klagt Julia über die "Verschulung" ihrer Studienfächer und darüber, dass ihr wie allen anderen Bachelor-Studenten "viel zu sehr vorgeschrieben wird, was man zu machen hat". Dabei bleibe "viel zu wenig Raum, nach eigenen Interessen Dinge zu erforschen und sich zu spezialisieren". Außerdem berichtet Julia über teils chaotische Zustände in der Anfangszeit ihres Studiums, über zu wenig Kurse für zu viele Studenten und darüber, dass selbst die Dozenten mit der Reform ihrer Studienfächer oft überfordert gewesen seien.

Eine ähnliche Auffassung über das neue Bachelor-System hat auch Erhan Köksal (25), der ursprünglich aus Ulm nach Erlangen gezogen ist und dort im neunten Semester Politische Wissenschaften und Geschichte auf Magister studiert. Warum er sich - ebenfalls seit Tag 1 - an der Besetzung beteiligt, obwohl ihn als Magister-Studenten die verhunzte Bologna-Reform und die Mängel des neuen Bachelorsystems gar nicht unmittelbar betreffen? "Rein aus Solidarität", meint Erhan, "und weil die Missstände irgendwann behoben werden müssen." Er sieht es als seine "Pflicht, für die Beseitigung dieser Missstände einzutreten" und kritisiert dabei vor allem "die unfassbare staatliche Unterfinanzierung des Bildungssystems", während man den Studenten in Bayern weiterhin Studiengebühren abverlange.

Die Kritikpunkte, die Julia Hornung und Erhan Köksal vertreten, werden von vielen Studenten an der Erlanger Uni geteilt - und seit dem 17. November im Audimax behandelt. Aus der ursprünglichen, spontanen Besetzungsaktion ist dabei mittlerweile eine demokratische Versammlung von Studenten geworden, die hier miteinander diskutieren und in den ersten Tagen gemeinsam einen Forderungskatalog beschlossen haben, der sich an die Hochschulleitung und die Regierung des Freistaats Bayern richtet. Die Inhalte dieses Katalogs reichen von der Forderung nach mehr studentischer Mitsprache in Hochschulfragen über die Abschaffung der Studiengebühren hin zu einer grundlegenden Nach- und Verbesserung des Bachelor- und Mastersystems. Außer dieser Versammlung, zu der im Durchschnitt zweimal täglich mehrere Hundert Studenten zusammenkommen, haben die Streikenden eine gut funktionierende Organisationsstruktur aufgebaut: Rund ein Dutzend Arbeitskreise, an denen jeder mitwirken kann, kümmern sich um die Organisation von Demonstrationen und friedlichen Protestaktionen, die Vernetzung mit streikenden Studenten an anderen deutschen Unis, die Weiterentwicklung des Forderungskatalogs oder einfach nur um den Alltag im Audimax. So vollbringt beispielsweise der "AK Essen" jeden Tag aufs neue das Wunder, dreimal täglich kostenlose, mit Spenden finanzierte Mahlzeiten für alle Besetzer auf die Tische im Audimax zu bringen. Für die Abendstunden - das heißt für die Zeit nach getaner, ernsthafter Arbeit im Plenum - organisiert der "AK Bühne" Auftritte von Bands und DJs, die aus Solidarität mit den Studenten und ihren Zielen kostenlos spielen. Selbst in der Nacht halten sich konstant zwischen 50 und 100 Studenten im Audimax auf, viele von ihnen sind sogar seit zwei Wochen dort fest eingezogen.

Der Streik soll noch möglichst lange weitergeführt werden. Denn zu lange schon - und dies gilt für die Mehrzahl der Politiker fast aller Parteien - wird in Sonntagsreden darüber schwadroniert, dass "Bildung unsere Zukunft" sei, ohne dass konkret etwas geschieht: Die Bundesländer kommen durch die Bank ihrer Verpflichtung zur Finanzierung der Hochschulen nicht in dem Maße nach, wie sie es tun sollten und es die Länderverfassungen und das Grundgesetz auch vorschreiben. Dies führt zur täglichen Verschlechterung der Studienbedingungen, zu zunehmender Überfüllung und Raummangel, zu maroden Uni-Gebäuden, aus denen Fenster samt Rahmen ohne Fremdeinwirkung rausfallen, wie vor kurzer Zeit in einem Gebäude der Erlanger Uni geschehen.

All diese Missstände und noch viele weitere Kritikpunkte sorgen dafür, dass der Wille vieler ungebrochen ist, weiterzustreiken, bis sich endlich etwas in Bewegung setzt. Bis dahin wollen viele Studenten in Erlangen und an anderen Unis auch Besetzer bleiben. Im Erlanger Audimax haben sie jedenfalls schon den Weihnachtsbaum aufgestellt.

Julia Hornung


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