Wo hört die Ästhetik des Menschen auf?
31.07.2010 - ALSFELD
Von Kati Paschke
Eine nachdenkliche Betrachtung der SPOT-Autorin Kati Paschke zur Ausstellung „Körperwelten - Der Zyklus des Lebens“
Für viele Menschen gibt es einen bestimmten Grad der Ästhetik, dessen was für sie schön ist und was nicht. So gibt es viele Diskussionen in der Kunst, beispielsweise steht im etymologischen Wörterbuch des Deutschen folgende Erklärung für die Kallistik: schön ist „in jeder Hinsicht gut anzusehen, wohlgefällig, bewundernswert“ oder auch „angenehm, herrlich und rein“. Man kann demzufolge sagen, alles was die Seele eines Menschen friedlich und fröhlich stimmt.
Doch heutzutage gibt es nicht nur noch eine Erklärung pro Begriff. So ist in der momentanen Literatur das „Hässliche“ schön. Ekel und Widerstrebung soll es auslösen, oder einfach nur publik werden.
Und was ist nun mit der seit 1996 bestehenden Ausstellung des Gunter von Hagens „Körperwelten“. Was anfangs noch informativ und aufklärend für die Medizinlaien in der Gesellschaft war, ist heute zum Teil eine weltberühmte Kunstausstellung geworden. Kritik gab es schon immer, doch mit Abstand zum Ekel und mit Rücksicht auf die Ästhetik wurden die damaligen Präparate gezeigt. Seit dem 25. Juli hat Hagens nun eine ganz neue Art der bekannten Wanderausstellung hervorgebracht. Mit dem Thema „Der Zyklus des Lebens“ zeigt er der Welt echte menschliche Ausstellungsstücke vom einigen Wochen alten Embryo bis hin zum ausgewachsenen Menschen.
Die sich stellende Frage lautet, warum Hagens einen Lebenszyklus darstellen möchte, wo doch alle ausgestellten Präparate ohne Alter angegeben sind, bei denen der Beobachter keine Unterschiede oder Veränderungen der verschiedenen Exponate feststellen kann. Doch die viel dringendere Frage ist: „Wo hört die Ästhetik auf“. Denn man muss bedenken, dass alle Ausstellungsstücke früher existierende Menschen gewesen waren, auch wenn sie für die Nachwelt so bearbeitet wurden, dass man ihnen das nicht mehr ansieht.
Es ist ohne Zweifel fraglich, ob die Ausstellung noch medizinische Hilfestellungen für die Bevölkerung liefert oder einfach nur Geldmacherei ist. Die Erklärungstafeln sind uninformativer geworden, dass ein Schulkind bis zur 13. Klasse fast alle Daten aus dem Biologiekurs bereits weiß, ganz geschweige von Fachpersonen. Wer dies zum ersten Mal sieht ist begeistert, geschockt oder beides. Auf jeden Fall hat sie eine Auswirkung auf den Zuschauer.
Jeder Mensch kann über seinen Körper frei entscheiden, wie dieser nach dem Leben weiterbehandelt werden soll - eingeäschert, begraben oder ausgestellt. Wer sich für letzteres entscheidet, weiß genau wie sein toter Körper später präsentiert werden kann. Er ist somit voll und ganz damit einverstanden und für ihn persönlich ist es akzeptabel, doch was ist mit denen, die noch nicht über sich entscheiden können? Die Babys über deren Kopf bestimmt wird, die Embryos in Reagenzgläsern, die Totgeburten oder missgebildeten Kleinkinder, die der Öffentlichkeit gezeigt werden. Ist dies noch ethisch tragbar oder bereits abstoßend? Ist es verantwortungslos Minderjährige und Kleinkindern diese Art des Zyklus eines Lebens so direkt zu zeigen oder sollte man dort besser einen Altersriegel davor setzten? Eine Frage, bei der jeder Mensch anders entscheidet und doch nichts ändern kann.