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Alsfeld 

„Die Antisemiten von einst sind die Antiislamisten von heute“

10.11.2010 - ALSFELD

Prof. Micha Brumlik referierte über aktuelle Formen des Rassismus und Antisemitismus

Sozialdarwinismus macht Micha Brumlik auch als eines der beherrschenden Themen in Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ aus. Sarrazin behaupte zwar nicht, dass die Moslems schlechtere Gene hätten, seine Rückschlüsse jedoch über die Vererbbarkeit von Intelligenz, die er mit den in Deutschland lebenden Moslems in Zusammenhang bringe, machten aus ihm einen islamfeindlichen Rassisten. Mit seiner Theorie, dass die Fortschrittsfeindlichkeit einer Religion, die weder Renaissance noch Aufklärung erlebt habe, gemeinsam mit dem geistigen Unterbemitteltsein großer Teile ihrer Mitglieder die Probleme in Deutschland schafften, die das Land daran hinderten, den eigenen Zukunftsaufgaben gerecht zu werden, habe Sarrazin zweifellos vielen Menschen aus der Seele gesprochen - über zwei Millionen verkaufter Exemplare dieses Buches belegen dies.

Der Distanzierung der Politiker aus allen großen Parteien stellte Micha Brumlik das Bild des von denselben Politikern geschaffenen „integrationsunwilligen Ausländers“ gegenüber, der nun als Feindbild fungieren könne - so wie in der NS-Zeit die Juden, im Stalinismus die Trotzkisten oder in der BRD der Achtziger Jahre die Asylanten. „Es ist doch was Wahres dran“ und „Es ist doch gut, dass es mal einer sagt“ - viel gehörte Äußerungen zu Sarrazins Thesen, die verdeutlichen, dass es tiefe Vorurteile und Ressentiments in der Bevölkerung gibt.

„Die Antisemiten von damals sind die Antiislamisten von heute“, so Micha Brumlik später in der Diskussion. „Wovor haben die Menschen Angst“, fragt sich Brumlik, wenn Studien belegen, dass genau dort, wo am wenigsten Moslems wohnen, nämlich in Mecklenburg-Vorpommern oder Erfurt - oder, wie in der anschließenden Diskussion deutlich wurde, auch im Vogelsberg - die antiislamische Stimmung am größten ist. Dort, wo keiner die „Lasten der Integration“ tragen muss, dort aber auch, wo die Arbeitslosigkeit und die Unzufriedenheit hoch sind, genauso wie die Angst, etwas weggenommen zu bekommen. Dort braucht man einen Sündenbock. Ghettoisierung sieht Brumlik als Konsequenz dieser Angst, das Auslagern von Menschen, die nicht ins Bild passen: Migranten, auch aus Russland oder Polen, sozial Schwache, Moslems.

„Wie alarmiert müssen wir eigentlich sein?“ Diese Frage schloss sich den Ausführungen über den aktuellen Rassismus und Antiislamismus an, der nach Brumliks Ansicht in seiner Bedeutung den Antisemitismus in Deutschland längst überholt hat. An dieser Stelle verwies der Redner auf die Nachbarländer in Europa, in deren Parlamenten oft eine rechtsradikale Partei vertreten ist: In den Niederlanden, in Frankreich, in Dänemark und Schweden und auch in osteuropäischen Ländern. In der Schweiz wurde auf Betreiben des Rechtspopulisten Christoph Blocher per Volksentscheid der Bau eines Minaretts verhindert - in Deutschland hält Brumlik solche Phänomene aufgrund der Sensibilität und der Geschichte im Moment für nicht realistisch. „Wir blicken auf Phänomene des Rassismus und Antisemitismus mit mehr Beunruhigung als andere Länder.“ Doch auch wenn er glaube, dass das Land heute davor gefeit sei, Rechtsradikale in das Parlament zu heben, entbinde dies keineswegs von der Pflicht, Themen und Ressentiments anzusprechen, und Vorurteilen und Rassismus „an jeder Ecke und an jedem Tisch zu widersprechen“.

Engagierter Kenner von Rassismus und Antisemitismus: Prof. Micha Brumlik bei seinen Ausführungen im Regionalmuseum.

Engagierter Kenner von Rassismus und Antisemitismus: Prof. Micha Brumlik bei seinen Ausführungen im Regionalmuseum. Vergrößern

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