„Leben der Opfer für immer zerstört“
08.01.2011 - VOGELSBERGKREIS
Von Norbert Gregor Günkel
Ein Missbrauchs-Opfer des Vogelsberger Pfarrers spricht über seine Erlebnisse und fordert Aufhebung der Verjährung
Zwei Sätze machen den tiefen Konflikt deutlich, den der damals 13-jährige Hans M. über Jahrzehnte mit sich herumschleppte: „Ich habe mich geschämt, etwas gegen den angesehenen Pfarrer zu sagen.“ Und: „Da war ja auch immer die Frage: Darf er das vielleicht wirklich?“ Hans hat das inzwischen eingestellte Ermittlungsverfahren gegen den Geistlichen in Gang gebracht, der mindestens vier Jugendliche über Jahre hinweg missbraucht haben soll. Für die Justiz sind die Taten indessen verjährt.
Der Pfarrer suchte ganz offen den Kontakt zu Jungen, nicht nur in seiner Gemeinde. Es gab Einladungen zu Ausflügen, die er zum größten Teil bezahlte, und Hausaufgabenhilfe. Hans (Name geändert) wurde immer wieder von der Schule abgeholt. Sehr bald schon registrierte der 13-Jährige, dass der Pfarrer den körperlichen Kontakt suchte. „Mir war das unangenehm, aber ich habe nichts gesagt.“
Immer wieder auch die Frage nach seiner körperlichen Entwicklung. „Ich hab‘ gedacht, er meint das gut.“ Um diese Entwicklung zu dokumentieren, machte der Pfarrer aus der benachbarten Kirchengemeinde Nacktaufnahmen des Jungen, drang aber gleichzeitig darauf, „dass das alles unser Geheimnis bleibt.“
Dann eines Tages die intime Berührung. „Ich habe das über mich ergehen lassen“, nachdem er zunächst abgelehnt hatte. Aber der Mann ließ dem Jungen keine Chance. Danach „hat er gemerkt dass ich verstört war.“ Gemeinsam wurde deshalb gebetet, außerdem vollzog der Priester eine Art Beichtritual.
Bei einer Hausboot-Tour in Irland 1988 wurde die „Beziehung“ grundlegend verändert: Hans wurde in der „Kapitänskajüte“ jeden Abend vergewaltigt. Dort durfte er als „Erster Offizier“ übernachten.
Die Tour hat er als Albtraum in Erinnerung. Aber auch hier wieder: „Ich habe mich nicht getraut zu schreien oder mit jemandem zu reden.“ Nur einmal während der zwei Wochen brach es aus ihm heraus, „da habe ich einen ganzen Abend lang geweint.“ Das Beruhigungsmittel des Pfarrers: Gebete und eine subtile Drohung mit einer Waffe. Trotzdem wollte Hans weglaufen, runter vom Boot - „aber wohin in einem fremden Land?“
Zu Hause suchte Hans die Distanz. Aber der Pfarrer fragte bei den Eltern nach den Ursachen. Und prompt war der Druck da, doch wieder ins Pfarrhaus zu gehen, wo die Vergewaltigung fortgesetzt wird.
„Angefasst“
Dieser Druck entlädt sich eines Tages im Gespräch mit der Mutter: „Der Pfarrer hat mich angefasst.“ Warum er nicht die ganze Wahrheit sagte, vermag Hans bis heute nicht zu sagen. Der Vater versucht, den Geistlichen zur Rede zu stellen. Aber der streitet alles ab und droht mit rechtlichen Schritten. Der Vater will die Öffentlichkeit, doch der 13-jährige Junge „will nicht in die Zeitung.“ Welche Chancen hätte ein 13-Jähriger gegen die unbestrittene Respektsperson gehabt? Die Antwort kann vom heutigen Stand des Bewusstseins nicht wirklich gegeben werden. Eine ganze Gesellschaft samt der Kirche wollte damals nichts wahrhaben.
Der Pfarrer suchte nach der Begegnung mit dem Vater das Gespräch mit seinem Opfer und machte ihm drastisch deutlich, dass der Junge keine Chance habe gegen ihn als Pfarrer in unangefochtener Stellung. „Da habe ich nur geschluckt.“