Pädophile in Darmstadt vor Gericht: Angeklagter in Mammutprozess will gestehen
08.09.2010 - DARMSTADT
Pädophile fühlen sich im anonymen Internet sicher. In Kinderporno-Foren tragen sie Tarnnamen wie "Lumpi" und "Waldmeister" und schotten sich ab. Aber vor einem Jahr wurde der Szene ein empfindlicher Schlag versetzt. Mutmaßliche Drahtzieher stehen in Darmstadt vor Gericht - und einer von ihnen will auspacken.
Einer der bundesweit größten Prozesse um Kinderpornografie
Über 100.000 Porno-Dateien, mehr als 160 Seiten Anklage - in einem der bundesweit größten Prozesse um Kinderpornografie stehen neun Männer in Darmstadt vor Gericht. Sie sollen als Drahtzieher zwischen 2006 und 2009 streng geheime Treffpunkte im Internet organisiert haben, sagte Oberstaatsanwalt Rainer Franosch zu Beginn des Mammutprozesses am Mittwoch vor dem Landgericht. In diesen "chats" und "boards" genannten Netzwerken sollen massenweise Bilder und Videos ausgetauscht worden sein, die sogar Vergewaltigungen sowie Fesselungs- und Folterszenen zeigen. Bis Mitte Dezember sind fast zwei Dutzend Verhandlungstage geplant.
"keine harmlosen Nacktbildchen"
"Das waren keine harmlosen Nacktbildchen", sagte Franosch. Die Opfer: Säuglinge, Kinder und Jugendliche. Ein Teil des Materials stammt aus Deutschland, sagte der Jurist. Rund 500 Nutzer sollen beteiligt gewesen sein, etwa 140 von ihnen wurden ermittelt. Gegen sie liefen gesonderte Verfahren, hieß es.
Die Angeklagten im Alter zwischen 30 und 58 Jahren kommen aus mehreren Bundesländern. Sechs von ihnen sitzen in Untersuchungshaft. Mehrere Stunden lang wurde zum Prozessauftakt die Anklage verlesen.
Hauptangeklagter will gestehen
Ein Hauptangeklagter muss sich zudem wegen des mehr als 20-fachen mitunter schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern verantworten - vor den Augen eines seiner Opfer, das im Gerichtssaal saß. Die heute junge Frau ist eine Nebenklägerin. Nach Angaben seines Verteidigers will der Mann ein Geständnis ablegen.
Im Internet habe sich die Bande vollkommen von der Polizei abgeschottet, sagte Franosch weiter. "Die Treffpunkte konnten selbst mit Suchmaschinen wie Google nicht gefunden werden." Für die streng hierarchisch aufgebauten Treffs seien Bezeichnungen wie "Zauberwald" und "Sonneninsel" gewählt worden. Teilnehmer hätten sich mit Spitznamen wie "Waldmeister" und "Lumpi" getarnt.
Wer dazugehören wollte, habe erst einmal eine Art Aufnahmeprüfung bestehen müssen - "eine Keuschheitsprobe ablegen", nannte dies ein Ermittler. Je mehr pornografisches Material herbeigeschafft wurde, umso höher sei ein Nutzer in der Hierarchie geklettert. Um Geld sei es allerdings nicht gegangen.
Die Bande war nach einem anonymen Hinweis bei einer Razzia vor einem Jahr aufgeflogen. Die Ermittler waren auf mehr als 100 000 Dateien gestoßen.