Montag,
23.09.2019 - 23:00
3 min
Zwei Ausstellungen in Rüsselsheimer Opelvillen
Von Stefan Benz
Kulturredaktion Darmstadt
RÜSSELSHEIM - Rüsselsheim. Natürlich darf "Avenidas" nicht fehlen. Eugen Gomringers Gedicht von 1952 ist ja auch ein besonders gutes Beispiel dafür, wie man die spielerische Abstraktion der Konkreten Poesie allzu gegenständlich ideologisieren kann. "Avenidas" beschwört mit wenigen Worten ein Bild von Straßen, Frauen, Blumen und einem Bewunderer. An der Fassade einer Berliner Hochschule erregte das Sexismusverdacht: Offenbar eine Ode auf patriarchalen Voyeurismus. Weg damit!
Das war 2018. Eugen Gomringer (94) versteht das bis heute nicht. Was soll die verzerrte Festlegung dieser Interpretation? Seine Kunst ist doch fließender Inhalt in fester Form. Die Opelvillen in Rüsselsheim betten Werk und Wirkung nun in ein Koordinatensystem der Fünfziger ein: als doppelte Präsentation von Textbildern und grafischen Denkspielen im ersten Stock sowie Architektur und Fotografie im Erdgeschoss.
Bevor es zur Konkreten Poesie geht, betritt man museale Wohnräume. Der Brasilianer Geraldo de Barros (1923-1998) entwarf ab 1954 im genossenschaftlichen Betrieb Unilabor moderne Möbel, die in Modulbauweise entworfen waren und sich individuell kombinieren ließen. Gedacht für breite Schichten, beliebt vor allem in der intellektuellen Mittelklasse des sozialistischen Brasilien. Bis Anfang der Sechziger entwickelte sich eine industrielle Produktion, die allerdings mit dem Beginn der Militärdiktatur zum Erliegen kam. Die Opelvillen würdigen nun zum ersten Mal in Europa das Design von Barros anhand von Schaustücken.
Vor allem die Regale aus schmalem Eisenrohr und Palisanderholzplatten sehen in ihrer funktionalen Strenge und Klarheit aus, als seien malerische Werke von Neoplastizismus oder De Stijl hier zu Skulpturen geworden. Was heute als zeitloser Modernismus und Designerschick daherkommt, war zu seiner Zeit auch ein gesellschaftliches Projekt. Zusammen mit dem kommunistischen Pfarrer Joao Batista Pereira hatte Barros einen Kollektivbetrieb begründet, der nicht bloß Schlaf- und Wohnzimmer, sondern gleich das ganze Leben gestalten wollte. Im klassenkämpferischen Zeichen von Doppelfaust und Hammer gab es bei Unilabor, der Arbeitseinheit für Einheitsarbeit, gleichen Lohn für geistige wie körperliche Tätigkeiten. Wirtschaftskrise und Militärputsch beendeten das Projekt. Kuratorin Beate Kemfert, Leiterin der Opelvillen, flankiert die Exponate der sozialutopischen Möbelschau mit abstrakten Fotografien von Geraldo de Barros. Seine "Fotoformas" aus den Fünfzigern zeigen Strukturen von Licht und Schatten, die auch die Schwarze Serie des Kinos hätten zieren können - entstanden vor allem durch Mehrfachbelichtungen. Da schauen dann Luftballons und Telefonleitungen aus wie Noten, die auf Notenlinien fliegen.
WANN UND WO
Die Doppelschau läuft bis zum 12. Januar 2020 in den Rüsselsheimer Opelvillen, Ludwig-Dörfler-Allee 9. Zu Geraldo de Barros gibt es einen Katalog, zur Konkreten Poesie eine kommentierte Postkartensammlung. Info: www.opelvillen.de
Und schon ist man gedanklich ganz nah dran an den Buchstaben der Konkreten Poesie, die eben nicht nur Wörter, sondern auch grafische Gebilde sind. Neben den Werken des Schweizer Halbbolivianers Gomringer, der stets in Europa wirkte, sind im ersten Stock auch Arbeiten der brasilianischen Brüder Augusto und Haroldo Campos sowie von Décio Pignatari zu sehen. Da schließt sich die Klammer zwischen den beiden Ausstellungen unter einem Dach.
Gomringer, der als geistiger Vater der Bilddichtung gilt, war in seinem Minimalismus sehr streng. Bei den brasilianischen Brüdern Campos kommt auch Farbe ins Buchstabenspiel. Und Kollege Pignatari (1927-2012)wird auch politisch konkret, wenn er Coca-Cola-Werbung so umdichtet, dass sowohl die Begriffe Kokain und Kloake aufscheinen. Hier gerinnt der freie Gedankenfluss in der Buchstabengrafik dann doch zur politischen Parole.