Abschied von der Gießener Tanzbühne

Ein Rückblick: Sven Krautwurst in der viel beachteten Produktion „Pythagoras“ aus dem Jahr 2014. Foto: Wegst

Bei jeder größeren Produktion der Tanzcompagnie Gießen war er in den letzten zehn Jahren auf der Bühne, nun verlässt der Tänzer Sven Krautwurst das Stadttheater Gießen.

Anzeige

GIESSEN. GIESSEN. Den Fans des Tanztheaters ist er bestens bekannt: Bei jeder größeren Produktion der Tanzcompagnie Gießen war er auf der Bühne, nun verlässt der Tänzer Sven Krautwurst das Stadttheater Gießen. Genau vor zehn Jahren hat er hier seine künstlerische Arbeit begonnen, der Abschied blieb im Zeichen von Corona weitgehend unbemerkt. Denn größere Feiern fielen in diesem Jahr am Ende der Spielzeit aus. „Das tut mir so leid. Ich konnte mich nicht so verabschieden, wie ich es gern gewollt hätte“, bedauert der Tänzer, der inzwischen in Offenbach wohnt und zu dem Gespräch mit dem GA noch einmal nach Gießen kam.

Ein Rückblick: Sven Krautwurst in der viel beachteten Produktion „Pythagoras“ aus dem Jahr 2014. Foto: Wegst
Sven Krautwurst

Seit Mitte März blieb es still am Stadttheater, Aufführungen fielen aus, auch die Probenarbeiten kamen über lange Zeit zum Stillstand. Als es dann allmählich wieder anlief, konnte nicht wirklich von Proben die Rede sein. „Wir durften nur in Gruppen zu sechs Leuten trainieren“, erinnert sich der Tänzer. Bevor die zweite Gruppe an die Reihe kam, mussten zunächst die Räumlichkeiten desinfiziert werden. Soloproben folgten später.

Eine seine letzte Rollen war in dem Tanzstück „Don Juan“, letztes Jahr tanzte er in dem Stück „Metropolis – Futur III“. Unvergessen ist beispielsweise auch das Tanzstück „Penelope wartet“. In allen Produktionen unter Regie von Tanzdirektor Tarek Assam, teilweise in Zusammenarbeit mit Gastchoreografen aus aller Welt (David Williams, Pascal Touzou, Mirco Hector und Olga Labovkina), hatte Krautwurst wichtige Rollen übernommen. Ihm fallen seine Partien in „Khora“ von Rui Horta ein, „Seid was ihr wollt“ von Massimo Gerardi „Wegeerzählungen“ von Daniel Godin sowie „Petruschka“ und „Titus Andronicus“ von Tarek Assam.

Anzeige

Bekannte und Freunde fragen ihn jetzt oft nach dem Grund seines Weggangs. In beiderseitigem Einverständnis, so schildert Sven Krautwurst, sei in Absprache mit Tanzdirektor Tarek Assam sein Vertrag nicht verlängert worden. Dies habe auch viel mit seiner Arbeit im Betriebsrat zu tun, in dessen Namen er sich aktiv für die Arbeitsbedingungen der Tänzer eingesetzt habe. Künstlerische Arbeit und Betriebsratsarbeit seien schwer zu vereinbaren. „Es tut mir wirklich weh“, betont er. „Ich mochte Gießen und ich mochte das Stadttheater.“ Er erinnert sich gern an die Zusammenarbeit mit seinen Kollegen. „Magdalena Stoyanowa ist schon lange da und ich habe mit ihr viel zusammen getanzt. Ich werde sie vermissen.“ Auch mit Tanzdirektor Tarek Assam habe er gern zusammengearbeitet. „Es hat mir immer Freude gemacht, das umzusetzen und gemeinsam weiterzuentwickeln, was sich Tarek Assam ausgedacht hat.“

Ein Blick zurück: Sven Krautwurst, seit der Eheschließung mit seinem langjährigen Partner heißt er Sven Chin, ist in seinem Beruf eher ein Spätberufener. 1980 im oberfränkischen Coburg geboren, arbeitete er nach Schulbesuch und Ausbildung zum Heizungs- und Lüftungsbauer zunächst von 1998 bis 2007 als Kellner und Serviceleiter.

Hobby zum Beruf gemacht

Das Tanzen war aber schon seit seiner Schulzeit als Hobby präsent. 2007 beschloss Sven Krautwurst, das Hobby endlich zum Beruf zu machen. Er begann am Ballettförderzentrum und der Contemporary Dance School in Nürnberg seine Ausbildung als Bühnentänzer und Tanzpädagoge. Dort erhielt er ein Stipendium für seine Ausbildungszeit. Seinen Schwerpunkt setzte er im Bereich des modernen Tanzes. In den darauffolgenden Jahren hat er im zeitgenössischen Ensemble „Marea Tanz“ unter der Leitung von Olatz Arabaolaza mitgewirkt. Darüber hinaus war er seit 2007 Gasttänzer am Staatstheater Nürnberg. Weitere Gastengagements führten ihn an das Grand Theatre nach Bordeaux sowie im Sommer 2010 nach Berlin, wo er beim Tanzprojekt „traumseits“ des Choreografen Javier Sanchez Martinez teilnahm. Seit der Spielzeit 2010/11 ist er Ensemblemitglied der Tanzcompagnie Gießen.

Sven Krautwurst ist jetzt zu seinem Partner nach Offenbach gezogen. Als berufliche Perspektive sieht er ein Engagement auf einem Kreuzfahrtschiff, für das er auch schon eine Zusage hat. Doch derzeit ist es ungewiss, wann diese Meeresriesen überhaupt wieder starten dürfen. Eines weiß er jetzt schon: „Wenn es möglich ist, werde ich mir die neuen Produktionen am Stadttheater anschauen“.Foto: Hahn-Grimm