Liebe Taube auf dem Dach

Die Stadttaube ist ein Klischee- und Zerrbild der Vogelgattung. Eines, das uns den Spiegel vorhält. Foto: Archiv/Echo

In der wunderbaren Reihe "Naturkunden" gelingt Autorin Karin Schneider viel mehr als nur ein Porträt eines ganz besonderen Vogels.

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. Die Reihe "Naturkunden", seit acht Jahren herausgegeben von Judith Schalansky bei Matthes & Seitz, ist ein herausragendes Beispiel für all das, was Bücher sein können, was sie im Kreuzfeuer des Digitalen weiterhin unverzichtbar macht. Sie sind wunderschön gestaltet, unverwechselbar in ihrem zurückhaltend stilisierten, aber klaren Cover - und der Verlag übertreibt nicht, wenn er bewirbt: "So feiern die NATURKUNDEN nicht zuletzt die unnachahmlichen und mannigfaltigen Möglichkeiten einer lebendigen Buchkultur." Ganz ehrlich: Man mag sie alle haben, dicht an dicht im Regal sollten sie stehen, am besten auch bei jenen, bei denen es immerwährend um Wachstum, Effizienz, wirtschaftliche Belange und Gewinne geht. Aber wissen die Protagonisten der kapitalistischen Geldvermehrung noch zu lesen, das Lebendige zu schätzen, all das, was außerhalb ihrer selbst liegt? Wohl kaum.

Die Nummer 69 der "Naturkunden" widmet sich den "Tauben", ein Tier, das in Städten vergrämt wird, mit abgerissenen Zehen durch die Einkaufsmeilen humpelt, in aufgerissenen Pommestüten die Reste pickt, das Tier, das "Ratte der Lüfte" genannt wird, das als Kulturfolger (wobei der Begriff der Kultur unbedingt hinterfragt gehört) den Lebensraum mit den Menschen teilt. Und sich gar nicht so einfach verjagen lässt. Die Taube taugt dazu, das darf man nach der Lektüre des von Karin Schneider kundig geschriebenen Porträts interpretieren, uns den Spiegel vorzuhalten, sie ist unser schlechtes Gewissen, das auf den Bäumen im Stadtpark sitzt oder von den Dächern der Konsumtempel uns auf die Schultern kackt. Zurecht. Der Mensch, so scheint es, erträgt die Tiere nicht, die sich erfolgreich in seinem Lebensraum etablieren, er ist als Spezies von einem Vernichtungswillen getragen. Ohne Not. Auch davon erzählt Schneider.

"Es konnte vorkommen, dass drei Milliarden Wandertauben in einem Schwarm von 500 Kilometern Länge und 1600 Metern Breite über einen Ort hinwegflogen. (...) Wenn sich die Vögel kopfüber mehrere Hundert Meter tief herabfallen ließen und wie eine lebendige Flut in ein Tal ergossen, war es, als fege ein Wirbelwind über das Land."

Die Indianer Nordamerikas nannten diesen imposanten Vogelzug "die blauen Meteore". Noch 1813 sah der Vogelkundler- und -zeichner John James Audubon einen solchen Taubenzug, der sich über drei Tage erstreckte. Die Siedler, die die Wälder abholzten und die Tiere wahllos töteten, sorgten dafür, dass die letzte Wandertaube eines Milliardenvolkes, die einsame Martha, 1914 in einem Zoo starb.

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Ein Beispiel, das viel davon erzählt, wie (falsch) der Mensch es wohl verstanden hat, sich die Erde untertan zu machen. Dabei ist - und das wird dem zuvor auch eher dem Schicksal dieses Vogels gegenüber tauben Leser vor Augen geführt - gerade die Taube ein Beispiel seltsamer Bigotterie, der sie schließlich zum Opfer fällt. Denn die Taube galt (und gilt formal?) doch immer noch als Symbol des Friedens, die weißen Tauben wurden, auch wenn sie müde sind, vielfach besungen, über die Taufe Jesu heißt es im Lukas-Evangelium: "Und der Heilige Geist fuhr hernieder auf ihn in leiblicher Gestalt wie eine Taube." Die Taube ist nicht nur weit vielfältiger, 350 Arten gibt es noch weltweit, sondern auch weit intelligenter als der deutsche Taubenvergrämer es für möglich hält, evolutionär gesehen ist sie weit älter als die Singvögel, die sie, kleiner und wendiger auf Beutejagd, alsbald aus den Bäumen vertrieben. Die Taube war schon immer ein Wandervogel zwischen den Welten, musste Alternativen finden. Und fand sie. Tauben waren Opfertiere wie Friedenssymbole, noch heute leben sie in Teilen der islamischen Welt in eigens errichteten Taubenhäusern, ihr Kot galt lange, heute eher ein Grund ihres schlechten Rufs, als bester Dung. Neue Forschungen haben erwiesen, dass nicht der Taubenkot alte Gemäuer oder Autolack angreift, sondern der Mensch mit seiner Luftverschmutzung für vieles selbst verantwortlich ist.

Orientierungssinn und Fluggeschwindigkeit der Tauben sind legendär, genutzt auch von den Brieftaubenzüchtern, die übrigens deren (Standort-)Treue für ihre Zwecke nutzen. Sagen wir mal so: Man kann diesen Sport durchaus mit anderen Augen sehen, um das Wohl der Tiere jedenfalls gehe es vielen der Züchter, so zumindest Schneiders Einlassungen, nicht.

Das Taubenporträt von Karin Schneider ist ein Beispiel dafür, was Bücher sein können: Lehrreich, gut, ja literarisch wertvoll geschrieben, die Augen öffnend. Und noch dazu mit vielen Bildern wunderbar gestaltet. Die Reihe "Naturkunden" verdient unbedingte Beachtung. Und gehört in ihrer ganzen Vielfalt in die Regale, wie die Tauben aufs Dach (oder in den Wald). Nach der Lektüre jedenfalls ist der Blick auf dieses zunächst so unscheinbare Tier ein anderer. Der Blick auf den Menschen verdüstert sich dagegen einmal mehr, so als würden Milliarden Tauben am Himmel ziehen. Gibt man im weltweiten Netz "Tauben" ein, ist der meistgesuchte Koppel-Begriff: vertreiben. Dass solche Konnotationen auch damit zu tun haben, warum wir in einer Corona-Pandemie und Klimakrise stecken, ist noch eine Erkenntnis dieses Buches, das sich doch eigentlich nur einem Vogel widmet. Der Taube.

Karin Schneider: Tauben. Ein Portrait. 160 Seiten. 20 Euro. Matthes & Seitz.