Mehr als nur ein Geheimtipp

Nicht nur eine starke gesangliche Leistung, sondern ebenso eine beeindruckende Choreografie zeigten die  Sänger in Nieder-Moos. Foto: Eigner

Großartige junge Sängerinnen und Sänger in Verbindung mit einem tollen Programm ließen das Premierenkonzert beim 39. Nieder-Mooser Konzertsommer zu einem echten Erlebnis...

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NIEDER-MOOS. Großartige junge Sängerinnen und Sänger in Verbindung mit einem tollen Programm ließen das Premierenkonzert beim 39. Nieder-Mooser Konzertsommer zu einem echten Erlebnis werden. Mit dem Schweizer Jugendchor wurde zum Auftakt der Konzertreihe eine Formation in die ehrwürdigen 230-jährigen Mauern des Nieder-Mooser Gotteshauses geholt, die unter Kennern der Chorszene auch außerhalb der Eidgenossenschaft mittlerweile mehr als nur ein Geheimtipp ist.

Schon vor zwei Jahren sorgten die 16 bis 25 Jahre alten Sängerinnen und Sänger aus der Eidgenossenschaft in Nieder-Moos für helle Begeisterung. Eine bloße Wiederholung des damaligen Auftritts war aber diesmal nicht zu erwarten - wird doch der 1994 gegründete Schweizer Jugendchor Jahr für Jahr neu zusammengesetzt. Etwa ein Drittel der 45-köpfigen Formation kommt jedes Jahr neu dazu - und auch das Repertoire ändert sich stetig. Der Chor steht unter der Leitung von Nicolas Fink und Philippe Savoy.

Bevor das äußerst zahlreiche Publikum sich von der hohen gesanglichen Qualität des Schweizer Jugendchores überzeugen konnte, kam aber zunächst die historische Denkmalorgel zu ihrem Recht. Frank Hofmann aus Frankfurt am Main hatte ebenfalls schon vor zwei Jahren am Manual und Pedal in Nieder-Moos Platz genommen - und sein Vater Herbert M. Hofmann gehörte über drei Jahrzehnte quasi zum "Inventar" bei den Orgelkonzerten. Mit Werken von Dietrich Buxtehude, Max Reger, Georg Friedrich Händel und Marco Enrico Bossi entlockte Frank Hofmann der Schöpfung des Johann Markus Oestreich herrlich dynamische Klänge und brachte die Zuhörer zum Beginn und nach der Pause schon einmal in Stimmung.

In der laufenden Saison hat sich der Schweizer Jugendchor erstmals einen besonderen Komponistenschwerpunkt gesetzt, und zwar auf das Schaffen seines Landsmanns Frank Martin (1890-1974). Das wurde auch in Nieder-Moos deutlich. Mit der "Kyrie" und der "Gloria" der "Messe für Doppelchor" widmete sich der Chor dem äußerst klangschönen Frühwerk von Frank Martin, das der Schweizer Komponist einst aus tiefer Religiosität ganz für sich privat zu Papier gebracht hatte - es brauchte 41 Jahre bis zur Uraufführung 1963. Auf dem Programm standen von Frank Martin außerdem vier französischsprachige Chansons aus den Jahren 1931 und 1944.

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Begonnen hatten die mitreißenden Nachwuchssänger und -sängerinnen indes mit "ganz alten" Titeln. Die feierlichen Gesänge von "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes" von Heinrich Schütz eröffneten den Reigen. Auch die Motette "Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn" von Johann Hermann Schein atmete den Geist des Frühbarocks. Doch auch in der Musik des 19. und 20. Jahrhunderts fühlt sich der Chor ganz zuhause, was er mit der "Hymn to Saint Cecilia" von Benjamin Britten, "The Turtle Dove" von Ralph Vaughan-Williams und dem "Urlicht" von Gustav Mahler eindrucksvoll unter Beweis stellte.

Im zweiten Abschnitt lag der Schwerpunkt auf dem Heimatland der Jungsänger und -sängerinnen. Chormusik in allen drei großen Sprachen der Eidgenossenschaft erklang: Auf Französisch neben den Chansons von Frank Martin der "Chante en mon coeur" als größter Erfolg von Pierre Kaelin. Auf Italienisch "Bellezza mia cara" nach dem Arrangement von Hansruedi Willisegger (dem "Gründervater" des Schweizer Jugendchores) und "Tutta nana Tgu" nach dem Arrangement von Sebastian Goll. Natürlich durfte da auch (Schweizer-) Deutsch nicht fehlen. Hier brachte der Chor das Volkslied "Die oben uf em Bergli" nach dem interessanten Arrangement von Hasan Uçarsu aus der Türkei.

Wer erwartete, der Schweizer Jugendchor würde seinen Auftritt in Nieder-Moos eher gemütlich ausklingen lassen, sah sich eines Besseren belehrt. Bei "My soul's been anchored" nach dem Arrangement von Carol Barnett und dem "Gershwin Potpourri" nach dem Arrangement von Derric Johnson zeigte der Chor eine äußerst schwungvolle und lebendige Choreografie, die das Publikum einfach mitreißen musste. Dass es zum Abschluss eine Zugabe geben musste, war selbstverständlich - mit einem Volkslied aus den Walliser Alpen setzte der Schweizer Jugendchor noch ein kleines Sahnehäubchen auf sein Werk, gekrönt vom minutenlang anhaltenden Beifall des Publikums. Über zwei Stunden hinweg boten die jugendlichen Interpreten eine Leistung, wie man sie gewiss nicht alle Tage zu Gehör bekommt - und die Kenner auch wenig verwundert, hat doch die musikalische Bildung im Heimatland des Jugendchors schon in der Schule einen ganz anderen Stellenwert als hierzulande.