Spielarten der Manipulation: Darmstadt zeigt „Lohengrin“

Das Gottesgericht wurde von Bühnenbildner Christian Wichles als halbrundes Plenum inszeniert. Foto: Nils Heck

Wegen Corona musste Wagners „Lohengrin“ am Staatstheater Darmstadt zwei Mal verschoben werden – jetzt hat er in der Regie von Andrea Moses eine gelungene Premiere gefeiert.

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DARMSTADT. Ehrlichkeit und Wahrheit haben in Richard Wagners Oper „Lohengrin“ einen schweren Stand. Der unbekannte Ritter, der samt Schwan aus heiterem Himmel erscheint, um die vor dem mittelalterlichen Gottesgericht des Mordes an ihrem Bruder Gottfried angeklagte Elsa zu retten, gibt insoweit die Richtung vor: Dass sie ihn nie nach „Name und Art“ fragen möge, dass sie „nicht Wissens Sorge“ tragen solle, wie er ganz anti-aufklärerisch von ihr verlangt, nimmt sie zunächst gerne hin – auch in der Darmstädter Neuinszenierung der 1850 in Weimar uraufgeführten Oper, die am Sonntag Premiere im Großen Haus des Staatstheaters feierte.

Schon vor zwei Jahren sollte „Lohengrin“ in der Sicht der 1972 in Dresden geborenen Regisseurin Andrea Moses im Staatstheater zu erleben sein; die Corona-Pandemie verhinderte die seither mehrmals verschobene Premiere. Die zahlreichen Spielarten der Lüge, der falschen Versprechen und der täuschenden Bilder, die sich im Umfeld von Macht und Herrschaft ausbreiten, sind seither gewiss nicht weniger geworden. Das von Julian Orlishausens eindrucksvollem Heerrufer angekündigte Gottesgericht, vor das sich Elsa gestellt sieht, ist in Christian Wichles Bühnenbild ein halbrundes Plenum, auf dessen linker Seite tapfer gestrickt wird, während zur rechten eher die Lektüre in Blättern mit großen Lettern gepflegt wird. Als es für Elsa ganz eng wird, weil ihr niemand gegen die von König Heinrich am Rednerpult vorgetragene Anschuldigung des Brudermords zur Seite springen will, erscheint Lohengrin, leibhaftig und im Videoclip mit entlarvenden politischen Versprechen: „Zukunft bewegen, Menschen gestalten“.

Oper zeigt, wie Menschen Manipulation zulassen

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Tatsächlich deckt Andrea Moses in zahlreichen Facetten schlüssig, konsequent und ganz im Sinne der Opernhandlung auf, wie Menschen „gestaltet“ , also verführt und beeinflusst werden, wie sie das zulassen. Lohengrin jedenfalls hat schnell das Volk auf seiner Seite, das von ihm als para-religiösem Heilsbringer nur zu gerne die Gesangbücher mit Schwanenmotiven entgegennimmt. Am wenigsten geht es bei allem um Elsa, die in diesem Machtspiel zur Randerscheinung wird. Mit ihrem Gegenspieler, dem von seiner Gattin Ortrud (furios und fulminant: Katrin Gerstenberger) beeinflussten Grafen Telramund, möchte man beinahe mitfühlen, so unlauter sind die Mittel, mit denen Lohengrin ihn im Zweikampf niederstreckt, dabei weniger das Schwert als die moderne Waffe der sozialen Medien auf seinem ausgestreckten Smartphone einsetzend.

Es gibt viel zu sehen, aber auch viel zu verstehen in der Inszenierung von Andrea Moses, die nie langatmig wird und die natürlich auch die Hochzeit von Elsa und Lohengrin als blütenweißes Ereignis von gesellschaftlicher Relevanz inszeniert. Wie sie die prachtvoll von Ines Kaun, Sören Eckhoff und Alice Lapasin Zorzit einstudierten Chöre – Opernchor, Extrachor sowie Kinder- und Jugendchor –, führt, hat große Klasse – jubelnd, bei aufflammender männlicher Aggression an den Seiten des Zuschauerraums im zweiten der drei Akte, nach voyeuristischen Blicken torkelnd von dannen ziehend vor der Brautgemach-Szene des letzten Akts. Andrea Moses erlaubt es, mit mancher Unbeholfenheit der Handlung zu schmunzeln. Und sogleich bleibt das Lachen im Hals stecken, wenn Telramund (Johannes Schwärsky) sterben muss, nachdem er mit heimlich aufgenommenen Videobildern einen Polit-Krimi aufgedeckt hat. König Heinrich, von Johannes Seokhoon Moon ohnehin nicht mit der Wucht vokaler Durchschlagskraft ausgestattet, und Lohengrin haben offenbar von Anfang an gemeinsame Sache gemacht.

Auf Elsas Frage nach seiner Herkunft antwortet der mit einer verführerisch reinen Kopfstimme aufwartende Tenor Peter Sonn in Darmstadt mit einer Rarität. In seiner „Gralserzählung“ singt er den ansonsten fast immer gestrichenen zweiten Teil („Nun höret noch, wie ich zu euch gekommen“). Dem aus Salzburg stammenden Gast gelingt das ohne merkliche Anstrengung, natürlich wie ein Lied auf einer zwischenzeitlich kulissenleeren Bühne. Dorothea Herbert begeistert als Elsa mit stattlich-profundem Ansatz und starker dramatischer Tiefe. Als am Ende ihr höchst lebendiger Bruder als neuer Führer per Fallschirm vom Bühnenhimmel schwebt, sie ignoriert und das Volk umgehend im Gleichschritt marschieren lässt, geht nicht nur ihr schmerzlich auf, wohin es führen kann, wenn sich zunächst Lüge und Blendung entfalten dürfen.

Immer ehrlich meint es Darmstadts Generalmusikdirektor Daniel Cohen mit Wagner. Mögen auch immer wieder vier Trompeten auf der Bühne und auf dem Rang den Klang panzern, so herrscht bei ihm und dem Staatsorchester Darmstadt insgesamt doch ein lichter, transparenter, farbsinnlicher Ton vor, der von gestrafften, aber nicht unnachgiebigen Tempi beseelt wird und kaum je die Solisten zu überdecken droht. Kleinere Unebenheiten einzelner Bläser-Spitzen, aber auch der vielfach geteilten Streicher im Orchestervorspiel werden sich in den Folgevorstellungen bestimmt noch glätten.