Stadttheater Gießen macht richtig Lust auf neue Spielzeit

"Ich bin allein" aus "Spamalot" (von links): Magnus Pflüger, Tom Wild, Frank Höfliger, Tomi Wendt, Anne-Elise Minetti.  Foto: Stadttheater/Friese

Sommer-Matinée mit Picknick-Feeling in Gießen: Die Künstler des Stadttheaters gestalten mit Schauspiel, Tanz und Gesang ein abwechslungsreiches Open-Air-Programm.

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GIESSEN. "Das wird bestimmt gut. Die wollen ja alle wieder!" Der Satz war in den vergangenen Tagen häufig zu hören. Nicht nur bei der Fußball-Europameisterschaft. Auch bei Künstlern, Bands, Schauspielern. Am Sonntag sprach Abdul M. Kunze, der Leiter des Kinder- und Jugendtheaters, diesen Satz am Rande des Theaterparks aus. Wenig später startete dort die Sommer-Matinée des Stadttheaters. Und in der Tat: Mit einer gelungenen zweistündigen Open-Air-Vorstellung aller drei Sparten auf zwei Bühnen und zusätzlichen Klängen aus dem Off meldete sich die beliebte Kultureinrichtung mit einem deutlichen Ausrufezeichen in der Öffentlichkeit zurück.

"Ich bin allein" aus "Spamalot" (von links): Magnus Pflüger, Tom Wild, Frank Höfliger, Tomi Wendt, Anne-Elise Minetti.
Pascal Thomas als Dreckspfau aus dem Schauspiel "Bookpink".
Improvisationen der Tanzcompagnie Gießen im Theaterpark.
Schauspiel: Ausschnitt aus der HAMLETMASCHINE mit Paula Schrötter, Carolin Weber, Johanna Malecki und Regisseur Patrick Schimanski (von links).
Das Bläserensemble aus dem Philharmonischen Orchester Gießen.
Tanzcompagnie mit "Carmen".

Das Publikum - Corona-bedingt gab es nur 200 Tickets - war eingeladen, sich Kostproben aus dem neuen Programm anzuschauen. Picknickdecken und Verpflegung konnten mitgebracht werden. In wunderbarer Klangvielfalt eröffnete das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Florian Ludwig das Fest mit der anspruchsvollen Ouvertüre zu "Ruslan und Ljudmila". "Das Orchester ist in voller Anzahl und in voller Pracht live auf der Bühne im Haus versammelt", betonte Intendantin Cathérine MivilleZugleich würdigte sie den Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den vergangenen Monaten. Dank eines sorgfältigen Test- und Sicherheitskonzeptes sei es gelungen, gut über die Zeit der Pandemie hinwegzukommen.

Für fünf Ensemblemitglieder der Tanzcompagnie Gießen folgte ein lange ersehnter Auftritt mit einem Ausschnitt aus dem beliebten Tanzstück "Carmen". Die Zuschauer applaudierten begeistert und hätten sich gerne noch weitere Szenen der temperamentvollen Choreografie genossen. Weiter ging es mit einem Monolog des Dreckspfaus aus "Bookpink". Ein wirklich köstlicher Text, der allerdings auch etliche Passagen enthielt, die zum Nachdenken anregen. Der Schauspieler Pascal Thomas löste diese Kontraste mit Bravour. Von der Gegenwart in die Klassik: Carolin Weber und Paula Schrötter demonstrierten, dass Kleists "Zerbrochener Krug" wirklich nicht altbacken daherkommen muss.

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Schon viel zu lange war Chorgesang nicht mehr live zu erleben. Jetzt endlich war wieder der Chor des Stadttheaters im Einsatz mit den "Zigeunerliedern" von Johannes Brahms. Die erfolgreiche Leitung lag wie in den Jahren vor Corona in den Händen von Dirigent Jan Hoffmann, am Klavier spielte Eugen Ganev.

Texte aus der "Hamletmaschine", vorgetragen von drei Schauspielerinnen, unterstrich Regisseur Patrick Schimanski am Schlagzeug, bevor der Prinzen-Song aus "Zwei Tauben für Aschenputtel" das Publikum auf die Kindertheater-Zeit einstimmte. Zehn Musikerinnen und Musiker der Blechbläser-Gruppe stellten danach in einem geradezu imposanten Akt die zeitgenössische Komposition "Kraken" von Chris Hazell vor.

Ob die Kostprobe aus dem Musical "Spamalot" - frei nach Monty Python - oder die Soul-Version des bekannten "Hallelujah" von Georg Friedrich Händel - das Publikum war äußerst angetan von den musikalischen Fähigkeiten der Künstlerinnen und Künstler. Dann plötzlich ein Raunen und Rascheln im Gebüsch: Zwölf Tänzerinnen und Tänzer der Tanzcompagnie Gießen näherten sich aus dem Hintergrund, fanden sich auf dem Hauptweg zusammen und servierten eine Improvisation, die sich wahrlich sehen lassen konnte und die choreografisch sowie bildlich wie geschaffen war für den Theaterpark. Die Audioeinspielung auf Klanghölzern vervollständigte diesen hochemotionalen Auftritt, der die Freude an der Begegnung in den Vordergrund rückte, aber auch von Mobbing und Isolation erzählte. Eine super Leistung, die unbedingt nach einer Wiederholung verlangt.

Nach einem weiteren Orchesterspiel über Lautsprecher standen in der ironischen "Dramaturgenballade" sechs wichtige Mitarbeiter des Stadttheaters auf der Bühne, die sonst für das Publikum weniger sichtbar sind: André Becker (Chefdramaturg), Carola Schiefke und Marisa Wendt (Dramaturginnen Schauspiel), Samuel Christian Zinsli (Dramaturg Musiktheater), Johannes Bergmann (Dramaturg Tanztheater) und Abdul M. Kunze (Leiter des Kinder- und Jugendtheaters).

Zum Abschied schickten Sängerinnen und Musiker ihre Botschaft in den mit bunten Picknickdecken gespickten Theaterpark: "Always look on the bright side of life". Eines ist nach dieser Sommer-Matinée klar: Das Publikum kann auf die neue Spielzeit am Stadttheater Gießen gespannt sein. Und fast könnte man meinen, dass endlich alles wieder so ist, wie es einmal war. Doch Vorsicht. Schon das neue Programm des Stadttheaters heißt: "Alles bleibt anders".

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Von Ulla Hahn-Grimm