Was ist schlimmer: Pest oder Kur?

Der Umschlag der Erstausgabe von 1913. Während der frühe Schriftsteller heute weitgehend vergessen ist, erfreuen sich seine späteren Auslassungen über Visionen, Yoga und Astralkräfte noch heute in Esoterikerkreisen einiger Beliebtheit.

Gustav Meyrink beschrieb 1913 die verheerenden Folgen einer Pandemie, die nur mit brutalsten Maßnahmen eingedämmt werden kann.

Anzeige

. "Schläft ein Lied in allen Dingen,

Die da träumen fort und fort,

Und die Welt hebt an zu singen,

Triffst du nur das Zauberwort."

Anzeige

Joseph von Eichendorff

Corona-Zeit, das ist auch Lesezeit. Homeoffice hin, Kurzarbeit her, spätestens jetzt zieht keine Ausrede mehr, um nicht zum guten Buch zu greifen. Was liegt da näher, als die Klassiker der Seuchen und Pestilenz aus den Regalen zu holen, um sie mit der Wirklichkeit abzugleichen. Camus? Klar, "Die Pest" geht immer, doch wer kennt noch den "Violetten Tod" des hellsichtigen und später leider zum esoterischen Hellseher mutierten Schriftstellers Gustav Meyrink? Es folgt eine kleine Ehrenrettung eines zu Unrecht Vergessenen.

Laut der FAZ haben ja bereits vor einem Monat in Deutschland die Virologen "das Regiment übernommen". In Meyrinks 1913 erschienenen Novelle "Der violette Tod" wird die Welt im Jahre 1950 von einem Ohrenarzt regiert, und der herrscht über "eine neue taubstumme Generation" auf dem Erdenkreis. "Gebräuche und Sitten anders, Rang und Besitz verschoben. (...) Notenschriften zu den alchimistischen Rezepten des Mittelalters geworfen, Mozart, Beethoven, Wagner der Lächerlichkeit verfallen, wie weiland Albertus Magnus und Bombastus Paracelsus. In den Folterkammern der Museen fletscht hie und da ein verstaubtes Klavier die alten Zähne."

Allein diese stumme Zukunft steht am Ende der Dystopie. Sie ist der Preis, den die Menschheit bezahlen musste, um dem "gänzlichen Aussterben" zu entgehen. Die Novelle schildert nämlich die verheerenden Folgen einer Pandemie, ein halbes Jahrzehnt bevor die Spanische Grippe die Massengräber füllte. Das Perfide am von Meyrink imaginierten Erreger: Der "violette Tod", ist ein Virus, das akustisch übertragen wird, ein wahrhaft letaler Ohrwurm.

Eichendorff hat schon recht gehabt, nur ist das Lied, das bei Meyrink in allen Dingen schläft keine gute Melodei.

Anzeige

Dass sie überhaupt ans Ohr der Menschheit dringt, ist ebenso wie vor 107 Jahren natürlich dessen eigene Schuld. Während der Mensch heute die letzten Urwälder abholzt, in dessen Tiefen die Ebola-verseuchten Flughunde als Totmannschalter des Planeten lauern, ist es bei Meyrink ein viktorianischer Imperialist und Kolonisator aus dem Bilderbuch. Besagter Sir Roger Thornton hat gehört, dass in einem abgelegenen Tal des Himalayas das sagenumwobene Shangri-La liegen soll. Und weil er auch das Reich der Mythen der britischen Krone unterwerfen will, geht er auf eine fatale Expedition. Am Ziel angekommen, stellt Thornton, ganz Kind der Aufklärung, nüchtern fest, dass die tödliche Barriere, die das verwunschene Tal von der Außenwelt abschirmt, Kohlendioxid ist, das aus vulkanischen Schlünden strömt. Mittels zweier Taucheranzüge, die Thornton in weiser Voraussicht von seinen Scherpas ins Hochgebirge schleppen ließ, überwinden er und sein Diener das Hindernis und finden sich danach in einer drogentrippigen, bizarren Landschaft wieder: "Hinter ihnen lag die Gasmauer wie eine bebende Wassermasse. In der Luft ein betäubender Duft wie von Amberiablüten. Schillernde handgroße Falter, seltsam gezeichnet, saßen mit offenen Flügeln wie aufgeschlagene Zauberbücher auf stillen Blumen."

Die das Tal bewohnenden Tibeter sind freilich vom Einbruch der Zivilisation wenig begeistert, halten sich die Ohren zu und brüllen das Zauberwort, worauf sich Sir Roger Thornton augenblicks in einen violetten Schleimkegel verwandelt. Schwer zu sagen, wer daraufhin stärker verwundert ist: Thorntons Diener, der taube Pompejus Jaburek, über die Verwandlung seines Gebieters oder die Tibeter über das ausbleibende Verscheiden des Dieners. Als der Stamm der Talbewohner dem armen Jaburek auf traditionelle Weise mit Dolch und Lanze den Garaus machen will, ruft der, Sie ahnen es vielleicht schon, in höchster Not das Wort, das er von den Lippen seiner Angreifer gelesen hat, und findet sich Sekunden später als letzter Mensch in einem Haufen violetter Kegel wieder. Der durch einen vergifteten Pfeil tödlich verwundete Jaburek schafft es noch zurück ins Expeditionslager wo er vor seinem Ableben dummerweise noch einen detaillierten Bericht über die Vorkommnisse im Tal verfasst.

Dieser Text erreicht Wochen später Thorntons Sekretär in Bombay: "Ali Murrad Bey (...) hatte das Schriftstück sofort in die Redaktion der ,Indian Gazette' geschickt. Die neue Sintflut brach herein." Zunächst befällt die neue Seuche nur Zeitungsleser der indischen Metropole: "Ehe der Abend kam, war Bombay halb entvölkert. Eine amtliche sanitäre Maßregel hatte die sofortige Sperrung des Hafens, wie überhaupt jeglichen Verkehrs nach außen verfügt, um eine Verbreitung der neuartigen Epidemie (...) möglichst einzudämmen." Doch dummerweise ist die Welt um 1913 zwar noch nicht globalisiert, dank der Technik aber schon sehr klein geworden: "Telegraph und Kabel spielten Tag und Nacht und schickten den (...) Fall Sir Thornton Silbe für Silbe über den Ozean in die weite Welt. Schon am nächsten Tag wurde die Quarantäne, als bereits verspätet, wieder aufgehoben. Aus allen Ländern verkündeten Schreckensbotschaften, dass der ,violette Tod' überall fast gleichzeitig ausgebrochen sei und die Erde zu entvölkern drohe. Alles hatte den Kopf verloren, und die zivilisierte Welt glich einem riesigen Ameisenhaufen, in den ein Bauernjunge seine Tabakspfeife gesteckt hat."

"Kann man etwas nicht denken?", fragt der in Apokalypsen auch nicht unbewanderte Edgar Allan Poe in seinem Essay "Der Alb der Perversheit". Kann man der Versuchung widerstehen, ein Wort laut auszusprechen, das einen das Leben kostet? Meyrink meint: Die meisten können es nicht.

Am Ende rettet nur ein völliger Shutdown des Gehörs die Menschheit vor der Auslöschung und der Leser bleibt mit der ganz und gar gegenwärtigen Frage zurück: War die Kur am Ende schlimmer als die Krankheit?

Fieserweise steht die tödliche Vokabel ganz am Ende im letzten Satz der Erzählung, der da lautet: "Der verehrte Leser wird gewarnt, das Wort ....

Nein tut mir leid, liebe Leser, wenn Sie unbedingt der Patient Null werden wollen, dann müssen Sie das schon selbst nachlesen.

*

Gustav Meyrinks Novelle "Der violette Tod" ist Teil der Sammlung "Des deutschen Spießers Wunderhorn", die derzeit leider nur antiquarisch erhältlich ist, kann aber unter www.zeno.org kostenlos im Internet gelesen werden.