„Unreisen“ – Felicitas Hoppe und Indra Wussow im Gespräch

Von Hoppe zu Wussow schlagen kluge Funken. Den üblichen Erwartungshaltungen an Reisen und ihre Transformation in Sprache erteilen beide Absagen.

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SINN. Rast und Unrast: Das eine Wort steht für Ruhe und Stationäres. Es wird gerne „eingelegt“. Das andere ist wegen der Vorsilbe nicht einfach dessen Negation, sondern schleppt den ersten Begriff perfide mit, um ihn mit Faul- und Trägheit zu konnotieren. „Unrast“ beschreibt das agile Gegenteil von „Rast“: Es geht um Antrieb und ein sich auf den Weg machen.

Man kann dieses Begriffspaar auch mal kreuzweise nehmen. Felicitas Hoppe und Indra Wussow hatten vielleicht genau das im Sinn, als sie der Aufzeichnung ihres viertägigen Gesprächs den Titel Unreisen gaben. Nicht um das Reisen und seinen aus intellektuellem Reiz angestrebten Destinationen geht es ihnen, sondern um das Andere vom herkömmlichen Unterwegssein. Ganz schlicht und weder wortklauberisch noch perfide: Unreisen sind Expeditionen in die Echokammern zweier Schriftstellerinnen aus Deutschland, von denen die eine außerdem eine Stiftung leitet, Kunstprojekte kuratiert und in Johannesburg lebt.

Vielfältig sind vor allem Indra Wussows Welterkundungen. Während Büchnerpreisträgerin Feliticas Hoppe eine alimentierte Unrast kultivieren muss, wenn sie von einem Goethe-Institut zum nächsten bundesrepublikanischen Außenposten in Sachen Kulturvermittlung weitergereicht wird (womit sie erkennbar fremdelt), sind Wussows Reiseerfahrungen vom Rechenschaftsbericht befreit, weil selbst finanzierte Aus- und Eingriffe. Sie führen in die inneren Landschaften von Künstlerinnen und Künstlern, die sie bei sich zu Gast hat. Oder es geht in die äußeren Topografien des Terrors, die sich in Phnom Penh genauso finden wie im Südafrika der Apartheid oder im schmerzhaft erinnerten Shoah-Deutschland.

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Von Hoppe, der Literaturkünstlerin, zu Wussow, zur Kunstermöglicherin, schlagen kluge Funken. Manchmal fliegen sie auch ein bisschen, was an Hoppes sympathisch selbstgewisser Gesprächsführung liegt. Den üblichen Erwartungshaltungen an Reisen und ihre Transformation in Sprache erteilen beide Absagen.

Ausdrücklich nimmt Hoppe sich hier eine Auszeit von den Zuschreibungen, die zuletzt ihre Road Novel ‚Prawda‘ bedient hatte, und dreht und wendet dabei den Begriff der Wahrnehmung als vorsprachliches Registrieren von Unterwegssein an anderen Orten.

Und dann streifen Wussow und Hoppe die Problemlagen des Reisens als weiße Nordglobale zu postkolonialen Bedingungen. Zutage treten Ein- und Ansichten zum Fremdsein am anderen Ort, zu Klischees, die immer irgendwie mit im Gepäck sind, und eine differenzierte Einordnung der ebenfalls die Welt vermessenden Kollegen Schriftsteller, von Kehlmann bis Thomas Stangl.

Unreisen, das neue Wort, lässt sich auch auf der Frequenz des seit einem Jahr alltäglich Gewordenen hören. Corona stationiert die Weltbewohnerinnen dort, wo sie sich beim Ausbruch der Pandemie befanden. Bei Felicitas Hoppe ist das Berlin, Indra Wussow hat die Zeit in Südafrika verbracht. Die erzwungene Rast und das Unreisen bekommen ihnen so la-la. Doch auch hier bleiben die beiden auf Niveau: Sie machen kein einfaches Lamento draus, sondern loten in einem Gesprächsnachtrag klug die Chancen ihrer plötzlich ausgeknipsten Unrast aus.

Von Bruno Arich-Gerz