„Beste Beste Bilder“ im Caricatura-Museum in Frankfurt

Die 2010er-Jahre werden in der Mainmetropole satirisch aufgespießt.

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FRANKFURT. Recht hat sie, die misstrauische Frau. Auf die Aufforderung des Arztes, ihren Oberkörper frei zu machen, kontert sie: „Zuerst zeigen Sie mir Ihre Doktorarbeit.“ Eine klare Folge der Plagiatsaffäre des Politikers Karl-Theodor zu Guttenberg vom Februar 2011, die Stephan Rürup bald danach gezeichnet hat. Das ist eine Weile her – wer hätte das Jahr gewusst? Diese Frage kann sich der Besucher des Frankfurter Caricatura-Museum in der neuen Schau ständig stellen – alle knapp 300 Werke stammen aus den vergangenen zehn Jahren.

Sommerfrisuren-Contest 2016: Die USA siegen knapp vor Holland und Großbritannien. Auch diese Karikatur ist im Caricatura-Museum in Frankfurt zu sehen. Karikatur: Gerhard Haderer

Seit 2010 bringt der Lappan-Verlag, einer der führenden Verlage für das komische Gewerbe, alljährlich einen satirischen Rückblick auf das zu Ende gehende Jahr als Buch heraus. Und seit 2016 dient der Band auch als Basis für den renommierten „Deutschen Cartoonpreis“. Jetzt ist in Frankfurt eine Auswahl der Auswahl zu sehen, von den 3000 Cartoons aus zehn Bänden die wohl wichtigsten und witzigsten, die schönsten und schrägsten – „Beste Beste Bilder“ eben, so der Titel der Schau, die Werke von rund 80 Künstlern vorstellt.

Aber was Stephan Rürup recht farbenfroh ausgeschmückt hat, wird von anderen nur mit schwarzem Stift zu Papier gebracht. So muss sich der Betrachter ständig neu einstellen auf andere Zeichenstile. Dennoch ist Kurator Mark-Stefan Tietze mit der Auswahl sehr zufrieden. Denn anders als bei einer Einzelschau garantiert sie eine „verblüffend hohe Gag-Dichte“. Zu lachen gibt es also genug für den Betrachter, wenn ihm nicht gleich das Lachen im Hals stecken bleibt.

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Bei Karsten Weyershausen dürfte das der Fall sein. Der hat sich gefragt, wie junge Nazis ihre privaten Gefühle ausdrücken. Sein Glatzkopf gesteht auf einer Parkbank bei lauer Nacht dem strammen Mädel mit blonden Zöpfen: „Von allen Menschen hasse ich Dich am wenigsten!“ Damit hat der Braunschweiger Cartoonist die armselige Denkart der Nazis gut getroffen. Allerdings sind die meisten ausgestellten Werke digitale Drucke, obgleich viele Künstler noch die ersten Entwürfe mit der Hand zeichnen – so die Einschützung von Tietze. Einen Trend sieht er nicht, auch nicht zu mehr Vorsicht nach den Anschlägen auf das französische Satireblatt „Charlie Hebdo“ vor fünf Jahren. Mit der chronologischen Hängung aber macht es die Schau dem Besucher etwas einfacher – zu leicht verrutschen wohl jedem die Jahreszahlen im Rückblick.

So ist die Schau „historisch sehr lehrreich“, meint Tietze. Der Cartoonist ist auch Chronist – und hat oft den richtigen Riecher. Der Wiener Gerhard Haderer etwa zeichnete Donald Trump schon 2016 für den „stern“ als Sieger, als noch Wahlkampf war. Damals glaubten die wenigsten an den Heißsporn als künftigen US-Präsidenten. Doch Haderer lässt Trump als schönsten blondgelockten Mann siegen, vor zwei anderen Populisten, dem Niederländer Geert Wilders und dem Briten Boris Johnson.

Bestimmte Themen tauchen mehrfach auf, die pädophilen Priester, die Flüchtlingswelle und der Islam. Dabei verstehen sich die geistlichen Führer blendend – bei Denis Metz hocken sie im Himmel beisammen und studieren die neuesten Karikaturen – Mohammed liest die „Titanic“, Gottvater dafür „Charlie Hebdo“. Und jeder amüsiert sich köstlich, weil der andere Glaube ordentlich eins abkriegt.

Relativ viele weibliche Zeichner sind in Frankfurt vertreten, obwohl die Szene eher von Männern geprägt wird. Ruth Hebler jedoch treibt VW & Co. zu neuen Ideen an mit ihrem frechen Blatt „Autoindustrie reagiert auf breitere Radwege“ von 2019. Bei ihr gibt es nur noch schmale, hohe Einsitzer-Autos über vier Etagen. Unten sitzt der Fahrer, der Fahrgast muss per Leiter nach oben. Dann doch lieber aufs Fahrrad schwingen, oder?