Dritte Staffel von „American Goda“ läuft bei Amazon Prime

Ian McShane (links) und Ricky Whittle in einer Filmszene von „American Gods“. Foto: Amazon

Parabel auf die digitale Kulturrevolution und der Versuch, aus einer faszinierend schrägen Perspektive eine kleine Kulturgeschichte der Besiedlung der USA zu skizzieren.

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. In Buchhandlungen werden seine Werke ins „Fantasy“-Regal einsortiert. Doch der Brite Neil Gaiman mag es lieber, wenn seine Romane als „magischer Realismus“ bezeichnet werden. Denn die literarischen Welten, die er entwirft, sind einesteils fest in unserer Wirklichkeit verankert, und dennoch ist darin etwas oberfaul. Mitten im menschlichen Alltagsgetriebe verfolgen übernatürliche Wesen ihre eigenen Pläne. Der kreative Culture-Clash zwischen diesen beiden Welten wurde schon mehrmals filmisch adaptiert, darunter im Kinoepos „Sternwanderer“ und zuletzt in der Miniserie „Good Omens“.

Die 2017 begonnene düster-bildgewaltige Verfilmung seines 2001 veröffentlichten Romans „American Gods“ ist die bisher meist ambitionierte Adaption. Die dritte Staffel wird, deren zehn Folgen bei Amazon prime nacheinander jeweils am Sonntag anlaufen, ausgewalzt, was dem fast 700 Seiten starken Roman auch angemessen scheint.

Dreh- und Angelpunkt ist die Odyssee von Shadow Moon, einem jungen, ein wenig verlorenen Typ. Frisch aus dem Gefängnis entlassen, erfährt er, dass seine geliebte Frau Laura bei einem Unfall ums Leben kam. Auf dem Weg zu ihrer Beerdigung wird Shadow von dem mysteriösen Mr. Wednesday aufgegabelt, der ihn als Fahrer anheuert. Auf ihrem Roadtrip durch die USA begegnet Shadow Wednesdays Freunden und Feinden, wobei sich die Mission des gerissenen Alten und auch Shadows Identität entschleiern.

Die Serie, den Faden des Romans aufnehmend, ist zugleich eine Parabel auf die digitale Kulturrevolution und der Versuch, aus einer faszinierend schrägen Perspektive eine kleine Kulturgeschichte der Besiedlung der USA zu skizzieren. Wednesday und seine Kumpel sind Verkörperungen jener alten Götter, die Einwanderer einst in die USA mitbrachten. Solange die Menschen an sie glaubten, ging es ihnen gut. Nun, da die Sterblichen vor neuen Altären – Smartphone, Computer – neue Götter, die von Gaiman 2001 prophetisch vorweggenommenen Social Media, anbeten, sind die alten Recken ganz unten gelandet.

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Das Who’s Who der heidnischen Mythologie umfasst unter anderen den einäugigen Wotan, ein Trickbetrüger, die slawische Gottheit Czernobog, nun kettenrauchender Schlachtarbeiter in Chicago, die beiden altägyptischen Bestatter Ibis und Thot. Sowie die Königin von Saba, die ihr Leben als Prostituierte Bilquis fristet und ihre Freier auf Nimmerwiedersehen in ihre Vagina saugt. Als Widersacher fungieren wohlfrisierte Fernsehtypen und rotzfreche Digital-Jüngelchen wie „Technical Boy“.

Für kunstsinnige Regisseure ist eine derart wild fabulierte Geschichte natürlich ein wunderbares Spielfeld. So ist die, vorzüglich besetzte, Serie gespickt mit surrealen, an David Lynch-Filme erinnernde Sequenzen, wobei Sex, Gewalt, und visuelle Coolness stets wichtiger scheinen als Verständlichkeit. In der dritten Staffel leider weicht das Drehbuch stark von der Vorlage ab und erweitert das ohnehin unübersichtliche Figurenpanoptikum beispielsweise um Demeter, eine alte Dame, die, da sie sich standfest als Göttin bezeichnet, in einer Nervenheilanstalt lebt. Laura, bisher als kratzbürstiger Zombie unterwegs, ist nun, nach einer Stippvisite in der Vorhölle mit Instant-Psychoanalyse, wie neu geboren. Endgültig tot ist leider Serienliebling Mad Sweeney, ein keltischer Kobold und raubauziger Obdachloser. Nach Missbrauchsvorwürfen wurde außerdem Rocker Marilyn Manson in der Rolle eines Gothic-Metal-Fans und altnordischen Berserkers nachträglich aus der Serie entfernt. Kurz: selbst ein Romankenner blickt nicht mehr recht durch. Doch als Serienexperiment jenseits des Mainstreams ist dieser Multikulti-Götterzirkus dennoch ziemlich geglückt.