Fernsehserie über das KaDeWe in Berlin

KaDeWe-Juniorchef Harry (Joel Basman, oben, links) feiert ausgelassen mit dem Geschäftsmann Fürstenberger (Michael Ihnow) in einer Szene der Folge 3, „Lila Nächte“, der Serie „Eldorado KaDeWe“. Foto: David Lukacs/ARD Degeto/RBB/Constantin Film/UFA Fiction/dpa

Die opulente Kaufhaussaga „Eldorado KaDeWe“ ist eine politisch aufgeladene Reise in die Weimarer Republik.

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. Marlene Dietrich kaufte hier ihre eleganten Handschuhe und Star-Regisseur Billy Wilder war Stammkunde in der Zigarrenabteilung: Das 1907 eröffnete KaDeWe ist Deutschlands bekanntester Konsumtempel und das beliebteste Reiseziel von Berlintouristen nach dem Reichstagsgebäude und dem Brandenburger Tor. Die neue Serie „Eldorado KaDeWe – Jetzt ist unsere Zeit“ macht die Luxusoase zum Schauplatz einer politisch aufgeladenen Familiensaga aus der Weimarer Republik, in der es um die lesbische Subkultur der 1920er Jahre geht, um den Aufstieg der Nationalsozialisten und um das Recht auf Selbstentfaltung.

Die Handlung beginnt nach Ende des Ersten Weltkriegs: Harry Jandorf (Joel Basman), Erbe des Kaufhausgründers, kehrt schwer traumatisiert von der Front heim. Während er seine Erinnerungen mit Drogen und sadomasochistischen Sexorgien in einem Bordell betäubt, will er das „Kaufhaus des Westens“ mit vollem Risiko durch die schwierige Nachkriegszeit lenken: Statt Nachttöpfe, Heftpflaster und andere bescheidene Haushaltswaren zu verkaufen, setzt Harry auf Luxus für Potentaten und Millionäre aus aller Welt – ein waghalsiger Kurs, bei dem ihm der fleißige Buchhalter Georg (Damian Thüne) hilft.

Während Harry und Georg auf historischen Personen basieren, sind die beiden Heldinnen fiktive Figuren: Harrys lesbische Schwester Fritzi (Lia von Blarer), die keine leitende Funktion im Kaufhaus übernehmen darf, weil sie eine Frau ist, und die Angestellte Hedi (Valerie Stoll). Sie ist die Kernfigur des großen Ensembles und arbeitet als Verkäuferin in der Damenmode-Abteilung – Mode spielt in der Serie eine große Rolle, denn sie wird in den 1920er Jahren zum Zeichen des feministischen Aufbruchs. Die „Neue Frau“, wie das damals hieß, trug praktische Hosen statt Kleider und Korsetts, klare Formen statt Volants und Rüschen. Die straßenschlaue Hedi lebt mit ihrer Schwester, die das Down-Syndrom hat, und ihrem kriegsversehrten Vater in einer Bruchbude. Sie beginnt eine lesbische Beziehung mit Fritzi, im Club „Eldorado“ (den es wirklich gab) genießen sie ein neues Freiheitsgefühl, doch auf beide wächst der Druck, konventionelle Ehen einzugehen, sprich: einen Mann zu heiraten. Derweil müssen sich die jüdischen KaDeWe-Besitzer, auch dies eine historische Tatsache, gegen wachsende antisemitische Anfeindungen wehren.

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Der Sechsteiler spielt in einer Zeit, als nach dem Ersten Weltkrieg dreimal mehr Frauen als Männer in Berlin lebten. Es gab rund 400 lesbische Clubs und viele Zeitschriften von Frauen für Frauen. Die Serie erinnert an dieses fast vergessene Kapitel deutscher Geschichte – dabei bricht Regisseurin Julia von Heinz die Distanz mit einem interessanten visuellen Konzept auf. So laufen die Figuren plötzlich durchs Berlin der Gegenwart, sie fahren U-Bahn, im Hintergrund sind Graffitis zu sehen. Der gelungene Kniff betont die Aktualität der Geschichte. Diese bekamen Julia von Heinz („Und morgen die ganze Welt“) und ihr Team auch bei den Aufnahmen in Ungarn zu spüren: „Während wir in Budapest eine Polizeirazzia der 1920er-Jahre drehten, wurden Gesetzesänderungen im ungarischen Parlament durchgesetzt, die die Rechte queerer Menschen massiv einschränken“, erzählt sie. Transgender-Komparsen hätten sich aus Angst vor Übergriffen nicht getraut, geschminkt ans Set zu kommen.