Schwerstarbeit im Bühnenhimmel: Abbau der Obermaschinerie im...

Knochenarbeit: Ein Abriss- Spezialist der Berliner Firma Manteuffel lässt einen Schaltkasten vom Schnürboden auf die Hauptbühne ab. Foto: hbz/Michael Bahr   Foto: hbz/Michael Bahr

Es ist die wohl gewichtigste und spektakulärste De-Inszenierung, die je über die Bühne des Kleinen Hauses des Staatstheaters gegangen ist. Auf dem Schnürboden in 18 Metern...

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MAINZ. Es ist die wohl gewichtigste und spektakulärste De-Inszenierung, die je über die Bühne des Kleinen Hauses des Staatstheaters gegangen ist. Auf dem Schnürboden in 18 Metern Höhe wuchten Arbeiter einer Berliner Spezialfirma einen halbtonnen-schweren Schaltschrank zu einer freigelegten Öffnung im Gittergeflecht. Die Männer sind mit Gurten gesichert. Ein falscher Schritt würde den Sturz in die Tiefe bedeuten. Noch ein paar Kommandos, dann sinkt der massive Metallkasten an einem Stahlseil auf den Boden herab, wo bereits weitere, schon ausgeschlachtete Kabelkisten ihres Abtransports in Container harren. Wie lose Marionettenstrippen baumeln die Seile der Rohrwellenzüge von der Decke, in der Ecke lagern zwei von den Oberlichtern losgelöste Antriebsmotoren. Die Trägerstangen der insgesamt mehr als 50 Bühnenzüge sind bereits abmontiert. Die Berliner machen mächtig Dampf.

Seit Dienstag ist der Abbau der seit Jahren defekten Obermaschinerie des Kleinen Hauses in vollem Gange. Als Nächstes knöpfen sich die Abriss-Experten das Herzstück der bereits zur Eröffnung des Kleinen Hauses 1997 veralteten Anlage – den in eine kompakte Stahlträgerkonstruktion gefassten Maschinenraum mit seinen zwei riesigen Antriebsmotoren und den 30 Seilwinden – vor. Bis Ende der Woche soll der gewaltige Metallkomplex in seine Einzelteile zerlegt und weggeräumt sein. Eine wahre Präzisions- und Herkulesarbeit.

Die gesamte Anlage wiegt bis zu 40 Tonnen. Die dekonstruierten, schweren Apparaturstücke müssen entweder über den improvisierten Deckenlift oder durch enge Türen über mehrere Stockwerke ins Freie bugsiert werden.

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Vor fünf Jahren wurde die Obermaschinerie, mit der über ein kompliziertes Zug-System Kulissen für das Bühnenbild, Vorhänge oder Hinterwände vom Schnürboden auf- und abgelassen werden können, wegen akuten Steuerungsaussetzern stillgelegt. Nach der Demontage der Problemtechnik sollen ab kommenden Dienstag im Maschinenraum die Vorbereitungen zum Einbau der neuen, vom Dresdener Bühnentechnik-Unternehmen SBS passgenau auf das Kleine Haus zugeschnittenen Obermaschinerie beginnen. Christoph Hill, Technischer Direktor des Staatstheaters, rechnet damit, dass die moderne, computerisierte Anlage spätestens bis 6. August betriebsbereit ist. Schon vorher werden die Mainzer Bühnentechniker in Dresden am Hightech-Steuerpult mit Touchscreen geschult.

Anders als beim zweimotorigen Vorgänger-Modell sorgen bei dem neuen System 40 Einzelantriebe für die Bewegung der Prospekt- oder Panoramazüge, 26 allein über der Hauptbühne. Auch die Lichtanlage wird mit drei festen Beleuchtungszügen erneuert. Von der künftigen Premiumtechnik verspricht sich Hill ein Optimum an Illusionsmacht. Das freie Spiel der Züge – 16 weniger als bei der alten Anlage – ermögliche eine hohe Flexibilität und millimetergenaue Synchronisation der Verwandlungsmanöver.

Auch preislich halte sich die Wiederbelebung des erstarrten Bühnenhimmels im Rahmen. Die Stadt als Eigner des Theaters hat 3,6 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Nach Montage der Motoren, Züge und Steuerung im Sommer wird es noch einen zeitlichen Einarbeitungspuffer geben. Deshalb werden die ersten Premieren der Spielzeit 2018/19 zunächst im Großen Haus stattfinden. Die Saison im Kleinen Haus startet am 31. August mit der Wiederaufnahme von „Traube, Liebe, Hoffnung“. Erstmals soll sich die neue Obermaschinerie als Zugnummer beim Theaterfest am 18. August präsentieren.