Überraschend: „Mutter Courage“ im Mainzer Theater

Stimmgewaltig: Anna Steffens als Mutter Courage im Kleinen Haus. Foto: Andreas Etter

Auf der Bühne des Kleinen Hauses präsentiert sich Brechts Mutter Courage als schicke Geschäftsfrau. Und auch musikalisch geht die Reise vom Dreißigjährigen Krieg in die Zukunft.

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MAINZ. Ziemlich vorlagengetreu das Ganze – und doch ist alles anders. In K.D. Schmidts Mainzer Neuinszenierung von Brechts „Mutter Courage“ bleibt der Text mit seinem genrehaften Eintauchen in die Nöte des Dreißigjährigen Kriegs so gut wie unangetastet. Und auch die eingeblendeten Songs, in der Vertonung Paul Dessaus der Schrecken jedes Schauspieler-Ensembles, werden mit Hingabe zelebriert. Zweidreiviertel Stunden unerschrocken aus der Mottenkiste gezogener Brecht – aber Ausstattung, Rhythmus, musikalische Arrangements sind ganz neu, ganz frisch.

Als Spielareal dient eine mit gnadenlosem Schwung in den Bühnenhimmel emporsteigende metallene Rampe, die alles gleichzeitig ist: Schlachtfeld, Rutschbahn, Projektionsfläche für Zwischentexte. Nur für eines ist da kein Platz: für den Marketenderwagen der geschäftstüchtigen Titelheldin, der bei Brecht als verbindendes Element in jeder Szene auftaucht, den in jüngerer Zeit jedoch jeder Regisseur, der auf sich hält, eliminiert. So jetzt auch in Mainz – da muss die Courage sich und ihre drei erwachsenen Kinder mit Hilfe eines prosaischen Haufens weißer Pakete durchbringen.

Steil aufsteigendes Eisenland also – und dazu ein paar Klettersprossen am Rand, durch die unausgesetzt Leuchtschriften zu einem Sound-Mix aus Sirenen und übersteuerten Warnsignalen aufblitzen. Das Personal, das in dieser Endzeitlandschaft gegen alle Kriegsunbill seine Geschäfte betreibt, lässt in seiner Kostümierung den Dreißigjährigen Krieg ebenfalls lässig hinter sich: Die Soldatenwerber mit roten Hosenträgern und Schnellfeuergewehren, Pfarrer und Kompaniekoch wie ein Western-Duo mit breitkrempigen Hüten.

Und die Courage hat auch nichts mit der bäuerlichen Überlebenskünstlerin zu tun, die in wattierter Jacke unbeirrt Wind und menschengemachtem Wetter trotzt. Bei Anna Steffens ist sie eine schicke Frau im türkisgrünen Hosenanzug, die ihre rückenlange graublonde Mähne wie eine Regimentsfahne in die Landschaft hängt und unverblümt mit der Männerwelt flirtet. Jung ist sie. Und singen kann sie auch.

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Titelheldin mit prachtvollem Sopran beschert Gänsehaut

Überhaupt die Musik! Da schleicht sich gleich zu Beginn, von Schlagzeug und Bässen getrieben, ein Rock-Intro in betörend schöner Indie-Anmutung in den Gehörgang. Und plötzlich setzt die zwischen ihren Warenkisten stehende Titelheldin mit prachtvollem Sopran die Melodie ihres Auftrittsliedes dagegen: „Das Frühjahr kommt/ Wach auf, du Christ“. Ein Gänsehaut-Moment. Und das geht weiter so: Das Lied vom „Weib und dem Soldaten“ ist in ein zerklüftetes Arrangement aus minimalistischen Hinhalte-Akkorden und aufbrausenden Orchester-Sequenzen eingehängt. Und das Lied von der „Großen Kapitulation“, das die Lagerhure Yvette als ihr Lebenscredo der Courage entgegenschmettert, ist zwar überraschend nah an Paul Dessaus Originalmusik, aber mit einem elektronisch imitierten Xylophon-Intro so toll aufgemöbelt, dass man dem Theater nahelegen möchte, das Ganze doch bitte auch als Soundtrack auf CD anzubieten.

Und das übrige Personal ist ebenfalls überzeugend unterwegs: die bizarr wie eine Gliederpuppe durch das Schlachtengetümmel sich bewegende Kristina Gorjanowa als Yvette; David T. Meyer und Julian von Hansemann als die beiden ungleichen Söhne der Courage. Köstlich in ihren Eifersüchteleien und burschikos überspielten Empfindlichkeiten das Duo aus Feldkoch und Feldprediger bei Martin Herrmann und Daniel Mutlu. Und Maike Elena Schmidt als stumme Courage-Tochter Kattrin schlägt zur Rettung der Stadt Halle diesmal nicht die Trommel, sondern hart und aufrüttelnd den Eisenstab auf eine Metallplatte.

So aber findet die gute alte „Courage“ auch ohne dick aufgetragene Aktualisierungen und sogar ohne Planwagen solide ihren Weg in die Zukunft.