Alsfeld: Bauwerk passt nicht ins Ensemble

Blick auf das "Ensemble Grabbrunnen" mit dem Neubau und Dachterrasse. © Günther Krämer

Es gibt Ärger am Grabbrunnen. Das jedenfalls musste die SPD-Fraktion beim Rundgang durch die Altstadt feststellen.

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ALSFELD. Es gibt Ärger am Grabbrunnen. Das jedenfalls musste die SPD-Fraktion beim Rundgang durch die Altstadt feststellen. Die Baulücke, die durch einen Abbruch eines maroden Werkstattgebäudes im letzten Jahr entstand, ist fast geschlossen. Mit einem Bauwerk, das ganz und gar nicht dem historischen Platz und dem Ensemble gerecht wird.

Für Jürgen-Udo Pfeiffer, fast 40 Jahre in der Alsfelder Kommunalpolitik in Stadtverordnetenversammlung und Magistrat tätig, ist dieses Bauwerk schlicht und einfach gesagt eine städtebauliche Katastrophe."Ich kann nicht nachvollziehen, wie man ein solches Bauwerk genehmigen kann, denn der Platz mit dem Grabbrunnen wird dadurch ganz erheblich beeinträchtigt. In einem solchen sensiblen Bereich der historischen Altstadt diesen Baukörper, der mehr als störend wirkt, durch das Kreisbauamt und letztlich durch die Untere Denkmalbehörde zu genehmigen, ist nicht nachvollziehbar. Ansonsten zeigt sich die Denkmalbehörde bei anderen Maßnahmen in der historischen Altstadt mehr als rigide und ablehnend - beispielsweise bei Photovoltaikanlagen auf den Dächern." Und jetzt werde an einem ganz markanten Punkt in der Altstadt ein solcher "Klotz" genehmigt. Die Kritik geht auch an die Stadt Alsfeld, die der Baumaßnahme in dieser Form zugestimmt habe. Der Blick der Stadt Alsfeld für Erhaltung und Sanierung der historischen Altstadt sei verloren gegangen. Das im Jahr 1975 erworbene Prädikat der "europäischen Modellstadt" leide.

Gundula Fellner zu Feldegg ist Bewohnerin am Grabbrunnen. Sie weist auf ein Schreiben der Grabbrunnen-Anwohner vom 17. September 2022 an Kreisbauamt, Denkmalbehörde und Stadt Alsfeld hin, in dem man die Bedenken gegen die Planausführung geäußert hatte. Bis heute habe sich keine Behörde zu diesem Brief geäußert oder Kontakt aufgenommen. Mit der Genehmigung seien einfach Tatsachen geschaffen worden. "Ich habe nichts gegen einen Neubau, aber dieser Baukörper ist platzzerstörend, denn die Proportionen stimmen einfach nicht. Man hat noch nicht einmal den Versuch unternommen, mit uns ins Gespräch zu kommen", sagt Fellner zu Feldegg. Wenn sie aus dem Fenster schaue, sehe die Dachterrasse aus wie ein Schwimmbad. Nicht nur den Anwohnern passe der Baukörper nicht. Auch bei den vielen Touristen, die in den letzten Monaten den Grabbrunnen beim Stadtrundgang aufgesucht haben, habe Unverständnis geherrscht. "Was soll denn das nach Fertigstellung werden?", so die Fragen. Und als man ihnen dann die Antwort gegeben habe, dass das Bauwerk bereits fertig ist, seien auch die Touristen beim Anblick sprachlos gewesen und kopfschüttelnd weitergegangen, so Fellner zu Feldegg. Zum städtebaulichen Erhalt müssten Neubauten in "Größe und im Ensemble" bei der Schließung von Baulücken zusammenpassen. Und genau das sei hier überhaupt nicht der Fall. Dass das alte Werkstattgebäude nicht erhalten werden konnte, sei klar gewesen, aber diese "Kiste", so sogar ein O-Ton aus der Denkmalbehörde in Marburg bei einem Telefonat, passe einfach nicht, meint Fellner zu Feldegg. Nichtsdestotrotz habe es bei der Genehmigung der Baumaßnahme offensichtlich Einvernehmen zwischen allen beteiligten Behörden gegeben.

Untere Denkmalbehörde

Die Untere Denkmalschutzbehörde des Vogelsbergkreises wurde frühzeitig vom Eigentümer in die Planungen miteinbezogen. Der moderne Neubau beinhaltet einen Wohnraum mit Küche sowie auf dem Dach eine Terrasse für das dahinterliegende Fachwerkgebäude. Dieses erfährt hierdurch eine qualitative Aufwertung. Die Kubatur orientiert sich am vorherigen Nebengebäude, wobei der Neubau niedriger ist als der Vorgängerbau mit Pultdach und somit den Blick auf die dahinterliegenden Fachwerkgebäude frei gibt.

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Die Genehmigung erfolgte einvernehmlich und übereinstimmend sowohl mit Zustimmung des Stadtbauamtes Alsfeld als auch des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen. Hierbei sind sich die Behörden durchaus bewusst, dass die moderne Gestaltung eines Kubus für Alsfeld ungewöhnlich ist. Sowohl in der zeitgenössischen Architektur als auch in der Baugeschichte. Jedoch gebe es mehrere Beispiele für moderne Architektur in historischer Umgebung. Hierbei nehme sich der Baukörper insbesondere durch seine schlichte Gestaltung zurück und füge sich durch die - noch nicht aufgebrachte - Putzoberfläche und dezente Farbgebung in die Umgebung ein.

Gerade in den letzten fünf Jahren hätten zahlreiche denkmalgeschützte Gebäude neue Eigentümer gefunden, die in diese umfangreich investiert haben. Manche Investoren hätten bereits mehrere Häuser in der Altstadt erworben, diese instandgesetzt und zeitgemäßen Wohnraum geschaffen. Sie hätten dies auch aufgrund der guten und verlässlichen Zusammenarbeit mit der Kreis- und Stadtverwaltung getan. Gemeinsam mit dem Landesamt, der Stadt Alsfeld und dem Eigentümer sei eine einvernehmliche und städtebaulich interessante Lösung gefunden worden. Sie zeige nicht zuletzt, dass das Klischee, Denkmalschutz würde sich nicht bewegen, längst überholt sei. Bei dem Brief vom 17. September 2022 habe es sich um eine Unmutsbekundung gehandelt, die zur Kenntnis genommen wurde. Aus dem Schreiben sei nicht ersichtlich geworden, dass eine Antwort erwartet wurde.

Die Stadt Alsfeld

Für die Erteilung von Bau- und Denkmalrechtlichen Genehmigungen ist die untere Denkmalschutzbehörde des Vogelsbergkreises zuständig. Die Stadt Alsfeld wurde im Rahmen des Genehmigungsverfahrens beteiligt. Aufgrund der frühzeitigen und umfangreichen Einbindung der Denkmalschutzbehörden im Rahmen der laufenden Planungen seien alle fachlichen Themen nachvollziehbar behandelt worden, sodass eine Versagung des gemeindlichen Einvernehmens durch die Verwaltung nicht infrage kam. Auch eine Befassung des Magistrats sei hierfür aus Sicht der Verwaltung nicht erforderlich gewesen, da die bau- und denkmalrechtliche Prüfung durch die zuständigen Behörden eindeutig waren. In dem Schreiben der Anlieger vom 17. September 2022 sei ein großer Unmut der Anwohner aufgrund der erteilten Genehmigungen zu entnehmen. Es gehe allerdings aus dem Schreiben nicht hervor, dass hier eine weitere Rückantwort seitens der Stadt Alsfeld an die Anlieger erfolgen sollte. Aufgrund der nun gestellten erneuten Anfrage werde die Stadtverwaltung kurzfristig ein Antwortschreiben erstellen.

Auszugsweise aus dem Brief

"Mit großer Verwunderung mussten wir hier eine Baumaßnahme zur Kenntnis nehmen, die bei uns erst Erstaunen und nun Entsetzen ausgelöst hat. Wir sehen nun im Ergebnis eine Individual-Baumaßnahme, die weder form- noch werkgerecht in das Bild des Platzes integriert wurde. Es geht hier nicht um Geschmacksfragen, sondern um eine architektonische Konzeption, die das Bewusstsein für die Charakteristik des Platzes in der Altstadt durch kompetente und sorgsame Verzahnung von Alt und Neu widerspiegelt. Der Grabbrunnen, ein Bau- und kulturhistorisch wertvoller Platz ist als Ensemble anzusehen. Das Zusammenwirken der Elemente macht ihn schützenswert. Ensembleschutz ist ein Kriterium im allgemeinen Denkmalschutz. Dieser Schutz ist deutlich missachtet worden, denn der Neubau stört das Zusammenwirken.

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Der Neubau wurde genehmigt und wohl auch baulich begleitet vom Amt für Bauen und Umwelt. Wenn dieses Beispiel der Genehmigung einer Baumaßnahme um sich greift, erscheint uns eine positive bauliche Entwicklung sehr fraglich. Es wird vermutlich einige Gebäude in Alsfeld geben, deren Sanierung nicht vollständig möglich ist. Genau dann ist architektonische Kompetenz und Denkmalschutz in enger Kooperation von Nöten. Wir möchten mit diesem Schreiben über ein Baugeschehen informieren, das Fragen zum Denkmalschutz aufwirft und gleichzeitig an alle Verantwortlichen appellieren, Bauvorhaben von den zuständigen Behörden wirklich so sorgfältig zu begleiten wie es dem Anspruch einer Modellstadt würdig ist. Insbesondere bei Neubauten bedarf es großer Aufmerksamkeit und Fachkompetenz, um das historische Gesamtbild zu wahren. Wir bitten Sie eindringlich in diesem Sinne, wenigstens bei der Fassadengestaltung des Gebäudes darauf hinzuwirken, dass der Neubau nicht so eklatant als Fremdkörper wirkt. Es ist uns bekannt, dass die Zuständigkeiten beim Landkreis liegen. Der Dialog sollte aber deshalb nicht gescheut werden."