Nichts für Ignoranten

„Atlas fractured“: Bilderrausch in der Neuen Neuen Galerie.  Foto:

Der Abend dämmert. Vor dem „Parthenon der (verbotenen) Bücher“ hat Davide Martello seinen Flügel mit dem aufgemalten „Peace“-Zeichen aufgebaut, den er mit einem...

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KASSEL. Der Abend dämmert. Vor dem „Parthenon der (verbotenen) Bücher“ hat Davide Martello seinen Flügel mit dem aufgemalten „Peace“-Zeichen aufgebaut, den er mit einem E-Bike herbeigeschafft hat, und improvisiert gekonnt zu bekannten Pop- und Klassikmelodien. Im Hintergrund scheint die untergehende Sonne durch den Büchertempel, auf dem Rasen davor haben sich Menschen niedergelassen und lauschen der Musik. Aus dem Zwehrenturm des Fridericianum, dem traditionellen Herzstück der Kasseler documenta, dringt Rauch. Aber dort brennt es nicht, von Daniel Knorr installierte Rauchmaschinen täuschen es nur vor, so täuschend echt, dass deswegen besorgte Bürger schon mehrfach die Feuerwehr alarmierten. Über dem Eingang des Fridericianum wurde der Schriftzug ausgetauscht. Dort ist nun zu lesen „Being safe is scary“ („In Sicherheit zu sein ist langweilig“). Aus einem Lautsprecher dringt, etwas blechern klingend, eine langsame Flüsterstimme mit ihrer eindringlichen Botschaft „Ignoranz ist eine Tugend“, eine Klanginstallation des US-Professors Pope L., die die ganze Stadt zu durchdringen scheint und manchmal auch aus einem roten, in der Nähe eines der documenta-Schauplätze geparkten alten Opel erklingt. Alles ist anders in diesen Tagen in der nordhessischen Metropole, die alle fünf Jahre zum Schauplatz der Weltkunstausstellung documenta wird, in diesem Jahr schon zum 14. Mal. Noch eine Woche, dann wird sie ihre Pforten schließen. Eine Aktion fehlt aber noch: Der „Schwurstein“, vor dem die Aristokratie 399 vor Christus in Athen dem Philosphen Sokrates den Prozess machte, ist aus der antiken Agora Athens über den Balkan unterwegs nach Deutschland. Nach seiner Ankunft in Kassel wird er dort an einem ehemaligen heidnischen Thingplatz begraben.

„Atlas fractured“: Bilderrausch in der Neuen Neuen Galerie.  Foto:
Fragende Blicke weichen dem Erstaunen: Diese scheinbare Müllansammlung aus „Paletten“, „Pappe“ und „Styropor“ ist aus edlem Marmor herausgearbeitet.  Foto:
Davide Martello spielt vor dem „Parthenon der (verbotenen) Bücher“, das zum Sinnbild dieser documenta 14 geworden ist.Fotos: Schäfer  Foto:
Wracks von Flüchtlingsbooten, zu Musikinstrumenten umfunktioniert.  Foto:

Der „Parthenon der (verbotenen) Bücher“ der argentinischen Künstlerin Marta Minujín, das wohl größte und eindrucksvollste Kunstwerk dieser documenta 14, wird erst am heutigen Samstag in Anwesenheit der Künstlerin komplettiert, indem die letzten in Plastikfolie eingeschweißten Bücher an den Stahlgerüstsäulen angebracht werden. Gleich danach beginnt der Abbau: Die Bücher werden demontiert und bis zum nächsten Wochenende an das Publikum verschenkt. So mancher, der sich in Bodennähe die einst verbotenen Bücher betrachtete, staunte: Denn zwischen Brecht, Marx, Freud und Co. sind unter anderem auch die Märchen der Brüder Grimm und die scheinbar harmlose Micky Mouse zu finden. Die Künstlerin versteht ihr Werk als Zeichen für Meinungsfreiheit und Protest gegen Zensur. Es ist einfach ignorant, Bücher zu verbieten! Aber „Ignoranz ist eine Tugend“?

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Der Parthenon aus Büchern deutet zugleich eine Neuerung dieser documenta an. Nicht umsonst ist er die Nachbildung des Tempels der Göttin Pallas Athena auf der Akropolis. Denn erstmals fand die Weltkunstausstellung an zwei Orten statt: zuerst in Athen, danach in Kassel. So wurden denn auch viele Kunstwerke und Installationen nacheinander zuerst in der griechischen Hauptstadt und dann in Nordhessen ausgestellt. Die Schuldenkrise des Ägäisstaates und die Mitverantwortung Deutschlands und der EU dafür werden in Kassel vielfach thematisiert, ebenso die Vergangenheit des alten Kulturlandes, von der Antike bis zur Besetzung durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg und zur Diktatur der Militärjunta. Auch eine Fernschachpartie Kassel (weiß) gegen Athen (schwarz) wurde angefangen. Bereits nach den ersten neun Zügen sieht es für Kassel nicht gut aus, denn Weiß hat bereits die wertvolle Dame eingebüßt. Dieses vorläufige Ergebnis ist, in eine eindrucksvolle Installation eingebettet, in der Gottschalk-Halle zu bewundern. Andere Künstler, die in dieser ehemaligen Fabrikhalle ausstellen, befassen sich unter anderem mit Vertreibung und Migration. Es ist eben vieles sehr politisch hier, wie der Besucher schnell merkt. Aber war das die documenta nicht schon immer?

Das Zentrum der documenta 14 und ein absolutes Muss ist das Fridericianum. Die aktuelle documenta-Ausstellung zeigt dort erstmals in Deutschland die Sammlung des Athener Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst (EMST). Schließlich lautet der Arbeitstitel dieser documenta auch „Von Athen lernen“. Beeindruckend auch die kaleidoskopartige Lichtinstallation im Foyer. Schon viele Besucher nutzten das auf den Boden projizierte bunte Licht für eindrucksvolle „Selfies“.

Die Kunstwerke sind auf viele verschiedene Stätten im gesamten Stadtgebiet verteilt. Aber auch ein eintägiger Besuch lohnt sich, bei dem man sich auf das Notwendigste und Interessanteste beschränken kann. Dies sind neben dem Fridericianum und der Gottschalk-Halle wohl die documenta-Halle, die Neue Galerie, die Neue Neue Galerie und der ehemalige unterirdische Bahnhof, der sich speziell für Zugreisende als möglicher Einstiegsort anbietet, von dem aus man zu Fuß gut die restlichen Hauptattraktionen erreichen kann. In dieser einmaligen unterirdischen Umgebung zeigen vier Künstler Werke und Installationen. Von dort gelangt man schnell zur Neuen Neuen Galerie in der ebenfalls einmaligen Atmosphäre eines verlassenen Briefzentrums. Besonders imposant ist hier die Videoinstallation „Atlas fractured“, in der Theo Eshetu auf eine riesige Wand Schicht um Schicht Gesichter projiziert – aus allen Kontinenten und Zeitaltern. Eshetu zeigt in einem 35-minütigen Bilderrausch die Vielfalt menschlichen Lebens in aller ethnischen Fülle, inklusive der Götter der Vorfahren.

Flucht, Unterdrückung, Unsicherheit und Gewalt sind die Hauptthemen dieser documenta. Ein eindrucksvolles Beispiel findet sich in den „Fluchtzieleuropahavarieschallkörpern“ des mexikanischen Künstlers Guillermo Galindo in der documenta-Halle. Aus den Überresten echter havarierter Flüchtlingsboote aus dem Mittelmeer machte der Künstler durch das Spannen von Saiten, Aufhängen von Klangstäben und Einarbeiten von Percussion Musikinstrumente und zugleich das Leid von Flüchtlingen greifbar. Man erinnert sich an die traurigen Bilder der Nachrichtensendungen, die über ertrunkene Flüchtlinge berichten. Ein weiteres Zentrum ist schließlich die Neue Galerie. Mehr als 80 Künstler sind hier mit ihren Werken und Projekten vertreten. Neben Themen wie Krieg, Kolonialismus und ungerechten Besitzverhältnissen zeigt die Neue Galerie auch persönliche Werke, in denen sich Künstler mit Körperbildern und Körperwahrnehmung beschäftigen. Besonders bemerkenswert sind die im Obergeschoss ausgestellten Selbstporträts Lorenza Böttners, der als Kind bei einem Unfall beide Arme verlor und es lernte, mit dem Mund und den Füßen zu malen. Dramatisch drückt er sein Hin- und Hergerissensein zwischen seinen männlichen und weiblichen Anteilen aus.