Meinung

Alle Jahre wieder: Eine kurze Aufregung über die Zeit(umstellung)

Oliver Hack

Alle Jahre wieder dräut zum Ende des Oktobers mit dem Eintritt in die nass-kalt dunkle Phase des Jahreskreislaufs wieder der Beginn des traditionellen medialen...

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Alle Jahre wieder dräut zum Ende des Oktobers mit dem Eintritt in die nass-kalt dunkle Phase des Jahreskreislaufs wieder der Beginn des traditionellen medialen Evergreen-"Aufreger"-Brauchtums: Los geht es in der Nacht zum Sonntag mit der Zurückstellung der Uhren auf Winterzeit oder Normalzeit! Auch der Lauterbacher Anzeiger kommt um diesen Klassiker der saisonalen Berichterstattung nicht drumherum, wie die heutige Ausgabe zeigt. Selbst eine Corona-Pandemie kann dieses Thema nicht tot kriegen. Und warum? Einerseits weil es alle betrifft und jeder eine Meinung dazu hat und andererseits auch, weil die Zeitumstellung überwiegend herrlich harmlos aber gleichzeitig auch unbequem sowie anachronistisch genug ist, um sich darüber aufzuregen, was um Himmelswillen der Quatsch heutzutage noch soll. Eine Abschaffung, beziehungsweise die Vereinbarung, entweder eine europaweit einheitlichen Sommer- oder Winterzeit einzuführen, würde wahrscheinlich wahnsinnig viel Geld kosten und einen riesigen bürokratischen Aufwand bedeuten, mit einem Effekt, der gleich Null ist. Immer mal wieder wurde in den letzten 100 Jahren eine Sommerzeit eingeführt, zuletzt ab 1980. Und erst 1996 wurden die unterschiedlichen Sommerzeitregelungen in der Europäischen Union vereinheitlicht. Man wollte eben etwas mehr Tageslicht am Abend, um Energie zu sparen - was aber nicht nennenswert der Fall war und ist. Auch wenn es tatsächlich einige Nachteile der Zeitumstellung gibt, etwa in der Landwirtschaft wegen der geänderten Melkzeiten der Kühe (das kann man aber durch allmähliches Umstellen abmildern) oder bei Menschen, die Schichtarbeit, insbesondere Nachtschichten, arbeiten müssen, ist die Zeitumstellung für den Großteil der Bevölkerung lediglich mit einem kollektiven "Ach wie doof!"-Ausruf über eine Stunde weniger Schlaf (Sommer), verbunden, die man dann - wie schön - im Herbst wieder zurückbekommt. Die Zeremonie der Uhrumstellung im Haushalt hat sich mittlerweile aufgrund zahlreicher digitaler Geräte, die das selbstständig übernehmen, erledigt. Nur an der analogen Armbanduhr muss man noch am Rädchen drehen. Am Tag vor der Umstellung gibt es die medial geäußerten traditionellen Forderungen nach einer Abschaffung der Zeitumstellung, über die sich wohlfeil echauffiert werden darf, am Tag danach interessiert sich kein Schwein mehr dafür. Das Problem ist: Eine Abschaffung der Zeitumstellung wäre zwar sinnvoll, und eine große Mehrheit der Bundesbürger ist auch dafür, aber der allgemeine Leidensdruck und die mediale Aufmerksamkeitsspanne sind so gering, dass sich niemand die Mühe machen dürfte, in absehbarer Zeit das in Angriff zu nehmen, zumal so etwas ja nicht im nationalen Alleingang geschehen kann. Also werden alle Jahre wieder die allseits bekannten Vor- und Nachteile der Zeitumstellung medial wiederverwertet, und es wird in diesem Zusammenhang auch gleich daran erinnert, dass man am folgenden Sonntag eine Stunde länger schlafen kann. Dann stellt man wohlig schaudernd fest, dass es ja jetzt wieder abends früher dunkel ist, bereitet sich innerlich auf die besinnliche Jahresendzeit vor und damit hat es sich auch wieder mit der Zeitumstellung. Herrlich! Es gehört halt dazu. *Übrigens genauso wie die Debatte um Halloween, eine Art Vorkarneval mit Gruselmotto. Für die meisten Menschen ein harmloser Grusel-Verkleidungsspaß für Kinder, Jugendliche und verkleidungsaffine Erwachsene, für andere ein kritisch beäugter durchkommerzialisierter "Heidenspaß", der aus den USA importiert wurde und hier nichts verloren hat. Die Diskussionen verlaufen herrlich überschaubar nach dem Motto: Halloween? Nein! Doch! Ooooh! Der Erfolg der gut gemeinten Bemühungen der evangelischen Kirchen, den am gleichen Tag stattfindenden Reformationstag seit einigen Jahren mit Reformationspartys für Kinder und Luther-Bonbons aus dem Schatten sardonisch grinsender Kürbiskopfgesichter ein wenig ans Licht der öffentlich-medialen Aufmerksamkeitsökonomie zu holen, bleibt hingegen meist überschaubar. Schon seit September darf auch wieder die Debatte über die "immer früher" in den Supermärkten liegenden dunkel-glänzenden Schokolebkuchen geführt werden ("Jetzt schon Lebkuchen? Ja, ist denn schon Weihnachten? - Egal, ist lecker! - Nein! Doch! Ohhh!") Und so geht es weiter: Ab Ende November finden die Klagen über den Weihnachtsstress, die Hektik in einer eigentlich doch besinnlichen Zeit und die böse Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes den Weg in die Debattenkultur. (Ein Tipp an alle Kommerzialisierungs-Klageführer: Weihnachten ist, was du draus machst!). Kurz vor Jahresende wird dann wieder gefeuerwerkt ("Ohhh, wie schön!") oder nicht gefeuerwerkt ("Umweltsauerei und Lärmbelästigung!") War noch etwas? Ach ja - Corona! Aber von diesen Auseinandersetzungen und Diskussionen sind alle halt ernsthaft genervt. Dann da geht es ja um wirklich etwas.Also denn: Viel Spaß mit der Zeitumstellung!