Kohleherde in Lauterbach

Im Heimatmuseum in Nidda findet sich diese Nachbildung einer Küche aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. So ähnlich dürfte es auch in vielen Lauterbacher Wohnungen ausgesehen haben. Der beschriebene Kohleherd gehörte fest zum Inventar. © Oliver Potengowski

Bis in die 50er Jahre gehörten in Lauterbach Kohleherde zum Inventar zahlreicher Wohnungen. Sie waren dankbare Mehrzweckgeräte,

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LAUTERBACH. Je länger und intensiver man sich mit den Dokumenten der Stadtgeschichte und den früher genutzten Gegenständen des alltäglichen Handelns beschäftigt, umso eindringlicher wird einem bewusst, dass gerade an ihnen brennspiegelartig Epochen der Stadthistorie, der Sozialgeschichte sichtbar werden. Das lässt sich beispielhaft am häuslichen Küchenherd aufweisen.

Als Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts der Elektroherd und der Kühlschrank Aufstellung fanden, wurde der alte Küchenherd, eine technische Meisterleistung der Gebrüder Roeder aus Darmstadt, überflüssig. Vorsichtshalber wollte man aber noch nicht völlig auf Kohle- und Holzfeuerung, insbesondere in der Küche, verzichten; und ein schmaler Beistellherd gesellte sich formgemäß zu den passenden, modern gestalteten, in weißem Emaile glänzenden Elektrogeräten. "Man weiß nicht, was für Zeiten noch kommen. Wir haben im Schuppen noch Platz für Brennholz und im Kokskeller noch einen Verschlag für vorteilhafte Brikettlagerung."

Der Roederherd

Wer hätte je gedacht, dass der verwaiste Beistellherd jetzt wieder seine Dienste tut seit Öl und Gas zu teuren Brandmaterialien wurden und werden. Ja, man denkt deshalb auch zurück an den früheren Roederherd, ein dankbares Mehrzweckgerät, dessen Heizenergie von etlichen seiner Flächen, Räume und Behältnisse in Anspruch genommen, maximal ausgenutzt wurden. Auf den großen Herdplatten, aus bläulich hartem Stahl geformt, konnte die Mittagskost für zwei Familien angerichtet werden. Jene diente Wasserkesseln, Töpfen, deren Blechwände von weißer Emaile überzogen waren, und auch leichten Kochgefäßen, aus Aluminium geformt und flink händelbar. Nicht selten erhitzte die Herdplatte Bratpfannen, Kaffeeröster (zwecks Herstellung von Malzkaffee) und Waffeleisen; Sie konnten auf der Herdplatte energiesparend verschoben werden, oder bestimmte Formen dieser Geräte wurden durch Ringabnahme der tiefer arbeitenden leckenden Flamme näher gebracht.

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Heißes Wasser lieferte zudem für die Spülschüssel und die Wärmflasche das sogenannte Schiff, ein schmaler, tiefsitzender Wasserbehälter versehen mit einem verchromten Deckel, der die Flucht des Dampfes verhinderte. Der Backofen, die Backröhre ließ den Teig der Blechkuchen und des Weihnachtsgebäckes reif werden; aber auch in ihm wurde der gusseiserne "Gänsbräter" und das "Borleeisen", ein stabiler Blechkasten, mit dem Brei des Blutkuchens, geschoben. Blieb der Backofen offen, wurden auf seiner Klappentür die vom Schneewasser durchdrängten Stiefel aufgestellt. Auf dem Röhrengestänge, um die Herdplatte gehend, verloren die Spül- und Handtücher und die Socken ihre Nässe. Und über der Herdplatte, an der hinteren Küchenwand hingen das ganze Jahr auf feinen, ausgezogenen Holzstäben die Stoffwindeln.

Mitbewohner, die abends die Wärme suchten, weil in Notzeiten schwerbeheizbare Wohnräume nutzend, versammelten sich in der Dämmerstunde mit der Familie um den Herd der Vermieter. Die Wohnküche wurde zur Wärmestube. Tagesgeschehen und alte Geschichten kamen zur Sprache, dabei sparsames Feuer besprechend.

Ältere Kinder hüteten - im Auftrag der auswärts arbeitenden Eltern - das bleibende Feuer des Herdes, und ihre Hände erfuhren gewissermaßen die Einübung in einen fast polytechnischen Werkunterricht, wussten was die hier häufig gebrauchten Sachwörter wie Wärmeleiter, Lüftung, Stahlplatte, Schürhaken, Gusseisen, Holzhärte und -trockenheit bedeuteten.

Herd inspirierte James Watt

Die technischen Verhaltensweisen, die die erfolgreiche Handhabung des Kohlenherdes erfordern, erleichtern auch im technischen Transfer die Arbeitsfreude der Heimwerker. Sie sind fern den halbabstrakten, energieerzeugenden Schaltvorgängen, zu der die Nutzung von Elektroherd und Kühlschrank "verwöhnen".

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James Watt (19. Januar 1736 - 25. August 1819) saß als halbkranker Junge an dem Herdfeuer und beobachtete die Kraft des Dampfes am aufspringenden Deckel des Wasserkessels; er entdeckte dabei die Grundlage der Dampfmaschine.

Theodor Bindewald (26. April 1829 - 11. Dezember 1880), der Frischbörner Pfarrer, lauschte am Stubenfeuer den Erzählungen der hier "warmgewordenen", "aufgetauten" Bauern, schrieb oft sprachlich gekonnt, dabei den Lebenstakt wahrend "Volkssagen aus dem Vogelsberg - Dem Volksmunde nacherzählt".

Eine geöffnete Herd- oder Ofentür, auch wenn sie eng gebaut ist, gibt Ausblick in Welten, vor allem in die technische und in die künstlerische.

Von Prof. Dr. Karl-August Helfenbein