Hessens Festivalveranstalter in "sehr schwieriger" Situation

aus Coronavirus-Pandemie

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Dichte Menschenmassen wie hier 2019 beim Golden Leaves Festival in Darmstadt wird es in diesem Jahr nicht geben. Ob das Festival überhaupt stattfinden kann, steht noch in den Sternen. Archivfoto: Dirk Zengel

Ein mehrtägiges Open-Air-Festival lässt sich nicht von einem auf den anderen Tag organisieren. Deshalb fordern hessische Betreiber solcher Events mehr Planungssicherheit.

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TREBUR/ESCHWEGE. "Planungssicherheit" ist das Wort, das in Gesprächen mit hessischen Festivalbetreibern immer wieder fällt. Mangelt es daran, bedeutet das für viele Festivals mindestens für dieses Jahr das Aus. Einige dieser Festivals könnte es bald sogar gar nicht mehr geben, so die Befürchtung. Das Open Flair Festival in Eschwege (Werra-Meißner-Kreis) beispielsweise musste zuletzt seine Absage für 2021 verkünden. "So eine Großveranstaltung lässt sich selbst mit routinierten Abläufen nicht einfach aus dem Boden stampfen", erklärt Veranstalter Alexander Feiertag.

Es habe seitens der Politik keine Aussagen darüber gegeben, ob eine Festival-Saison im Sommer möglich sei und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen. Nach eigenen Angaben besuchen jedes Jahr etwa 25.000 Menschen täglich das sechstägige Festival, die meisten als Dauergäste. Das Open Flair ist eines von 42 Festivals in Hessen, das Teil des Aktionsbündnisses "Festivals in Hessen" ist. Das Bündnis stellte kürzlich in einem Positionspapier Forderungen an die Politik. Die Kernpunkte: Planungssicherheit für den Festivalsommer 2021 und darüber hinaus, transparente Kommunikation zwischen Politik und Kultur sowie nachhaltige Förderprogramme.

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Die Situation sei "extrem schwierig", sagt Tobias Schrenk, Veranstalter des Golden Leaves Festivals in Darmstadt. In Bezug auf eine mögliche zugelassene Besucheranzahl im Sommer beispielsweise herrsche "Schweigen im Walde". Ohne diese Vorgabe sei eine Planung kaum möglich. Er verstehe, dass es für die Behörden schwierig sei, klare Prognosen zu geben, dennoch werde seiner Meinung nach zu wenig kommuniziert. "Wir hängen komplett in den Seilen", sagt er.

Es gehe auch um finanzielle Sorgen. Im schlimmsten Fall - also wenn das Festival ausfallen und alle Besucher ihre Tickets zurückgeben würden - könnten für mittelgroße Festivals wie das Golden Leaves Schulden in sechsstelliger Höhe entstehen, sagt Schrenk.

"Die Politik hat sich nicht mit Ruhm bekleckert", findet auch Festivalveranstalter Benjamin Metz. "Nach einem Jahr sollte man wissen, dass wir eine lange Vorlaufzeit haben". Metz organisiert vier Festivals im Bündnis, das Heimspiel Knyphausen in Eltville (Rheingau-Taunus-Kreis), das südhessische Burg Frankenstein Kulturfestival, den Gießener Kultursommer und die Marburger Sommernächte. Die beiden letzteren werden 2021 nicht stattfinden.

Auswirkungen auf Pandemie seien gering

Trotz Forschungsdaten zur Ausbreitung des Corona-Virus bei Konzerten gebe es keine klare Perspektive für Veranstalter, beklagt Metz. In Deutschland beispielsweise hatte der Popsänger Tim Bendzko im Oktober ein "Forschungs-Konzert" in einer Konzerthalle vor 1000 Menschen gegeben. Das Ergebnis: Bei Einhaltung bestimmter Hygieneregeln seien die zusätzlichen Auswirkungen auf die Pandemie insgesamt gering bis sehr gering.

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Das Bündnis verweist auch auf die teils schon ausgearbeiteten Hygienekonzepte. "Unsere Konzepte müssen gelesen, verstanden und fachlich sowie nachvollziehbar beurteilt diskutiert und gegebenenfalls auch freigegeben werden", heißt es in dem Forderungspapier. Auch Metz hat für das Festival Heimspiel Knyphausen bereits ein Konzept. Unter anderem soll es eine Reduktion der Festivalbesucher um etwa die Hälfte geben sowie kostenlose Tests und eine Kontaktnachverfolgung per App.

Veranstalter müssen Festival sicher veranstalten

Der Job der Veranstalter sei, ein Festival nicht nur interessant zu gestalten, sondern auch sicher, sagt er. Ein Festival im Netz, wie er es vergangenes Jahr durchgeführt hatte, komme dieses Jahr nicht in Frage. "Hybrid und Streaming ist schön und gut". Eine richtige Festivalveranstaltung könne es aber nicht ersetzen. Sollte das Heimspiel Knyphausen stattfinden, würden die Einnahmen deutlich geringer ausfallen, wenn nur etwa die Hälfte der Tickets verkauft werden könne. Daher fordert das Bündnis Ausgleichszahlungen für geringere Besucherzahlen aufgrund von behördlichen Einschränkungen.

Das Bundesfinanzministerium hatte für solche Mindereinnahmen bereits im November einen Sonderfonds angekündigt. Doch die Konkretisierung des Bundesprogramms habe rund ein halbes Jahr gedauert, "sodass es verständlicherweise bei einigen Veranstaltern zu Unsicherheiten gekommen ist", wie ein Sprecher des hessischen Kunstministeriums mitteilte. Der Fonds solle mit der Open-Air-Saison im Sommer starten. Nach Einschätzung des Ministeriums wird das Bundesprogramm die meisten Lücken schließen können. Für eventuell weiter bestehende Lücken seien Gelder vom Land Hessen vorgesehen.

Speziell zugeschnittene Förderprogramme fehlen

Doch vielen Veranstaltern reicht das nicht. Laut Forderungspapier fehlen speziell auf die Bedürfnisse von bestehenden Festivals zugeschnittene Förderprogramme, die die Hilfen von Land und Bund ergänzen und erweitern. "Die hessischen Festivals sind gesichert", heißt es indes aus dem Kunstministerium mit Blick auf Hilfen und Förderungen von Bund und Land. Das Ministerium stehe mit dem Bündnis in einem offenen Austausch, um weitere Fragen zu klären.

Insgesamt 20 Festivals des Bündnisses haben ihre Veranstaltungen für dieses Jahr bereits abgesagt, sagt Initiator des Bündnisses Merlin Jost. Die Stimmung sei insgesamt "sehr gedrückt". "Wir planen sonst ein Festival und haben Spaß", sagt Jost, der das Trebur Festival (Kreis Groß-Gerau) organisiert. Nun gehe es darum, "wenigstens einen Bruchteil davon möglich zu machen". Aber auch "seinem" Festival laufe wertvolle Zeit davon.

Von dpa