„Notlage wird ausgenutzt“: Warum manche Doktoranden für...

Ein Archäologe säubert an der Ausgrabungsstätte Überreste eines mittelalterlichen Gebäudes in Lich. Viele Wissenschaftler arbeiten laut Andreas Keller von der Gewerkschaft GEW für Billiglöhne. Foto: dpa  Foto:

Wissenschaftler, die promovieren wollen, können sich vielfach ihre Stelle nicht aussuchen. Sie arbeiten zu Billiglöhnen, wie eine Doktorandin, die einen Vertrag akzeptiert...

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WIESBADEN. Wissenschaftler, die promovieren wollen, können sich vielfach ihre Stelle nicht aussuchen. Sie arbeiten zu Billiglöhnen, wie eine Doktorandin, die einen Vertrag akzeptiert hat, nach dem sie zwei Jahre lang Grabungsfunde in Rödermark sichtet, ordnet und katalogisiert – für 500 Euro im Monat. Darüber sprachen wir mit Andreas Keller von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Herr Keller, in Hessen ist der Fall einer Doktorandin publik geworden, die für ein „Stipendium“ 500 Euro im Monat bekommt und dafür zusätzlich zu ihrer Promotion einen Vollzeit-Job übernehmen muss, bei dem sie archäologische Grabungsfunde sichtet, ordnet und aufarbeitet. Sind das übliche Regelungen?

Nein, definitiv nicht. Doktorandinnen und Doktoranden sind qualifizierte Fachkräfte, die erfolgreich ein Hochschulstudium absolviert haben, zumeist mit zwei Abschlüssen. Soweit sie nicht als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angestellt und nach Tarif bezahlt werden, wie es die GEW fordert, können sie mit einem halbwegs auskömmlichen Stipendium rechnen. Begabtenförderwerke wie zum Beispiel die Hans-Böckler-Stiftung fördern Promovierende mit Stipendien in Höhe von 1 450 Euro monatlich.

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Die Kommission für Archäologische Landesforschung argumentiert, es sei freie Entscheidung der Doktorandin gewesen, dieses Stipendium anzunehmen.

Viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler greifen aus Verzweiflung nach jedem Strohhalm. Diese Lage nutzen viele Hochschulen und Forschungseinrichtungen aus. 500 Euro für ein Promotionsstipendium liegen unter der Armutsgrenze von 826 Euro und sind schlicht unanständig. Es ist skandalös, wenn sich ausgerechnet eine öffentliche Einrichtung an einem Unterbietungswettbewerb beteiligt und ihn offensichtlich auch noch gewinnen will.

Das zweite Argument lautet: Jeder, der ein kulturwissenschaftliches Studium beginne, wisse, dass in diesem Bereich schlecht bezahlt wird.

In der Tat bieten Hochschulen und Forschungseinrichtungen in geistes- und sozialwissenschaftlichen Fachrichtungen häufig schlechtere Bedingungen als in den Ingenieurwissenschaften oder in der Informatik, wo es einen harten Wettbewerb mit der Industrie gibt. Das darf aber kein Persilschein für Lohndrückerei und schamlose Ausbeutung sein. Die Doktorandin mit dem Dumping-Stipendium wird auf andere Einnahmen angewiesen sein. Wenn sie am Ende ihre Doktorarbeit abbricht, schneidet sich das Landesinstitut in das eigene Fleisch.

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Sind die Kulturwissenschaften unterfinanziert?

Das Wissenschaftssystem ist in Deutschland insgesamt unterfinanziert. In den vergangenen 15 Jahren ist die Zahl der Studierenden in Deutschland um über 50 Prozent gestiegen, die Zahl der Professorinnen und Professoren dagegen nicht einmal um 25 Prozent. Kulturwissenschaften und andere Geistes- und Sozialwissenschaften sind besonders schlecht dran. Sie werden bei Programmen wie der Exzellenzinitiative, der High-Tech-Strategie oder in der europäischen Forschungsförderung benachteiligt und bekommen weniger Drittmittel aus der Wirtschaft. Die GEW hat daher den Bund und die Länder aufgefordert, für eine deutlich bessere Grundfinanzierung der Hochschulen zu sorgen.

Gibt es bei der GEW eine Erhebung, was Doktoranden normalerweise verdienen?

Nach dem jüngsten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs, der vorige Woche veröffentlicht worden ist, verfügen Promovierende über ein durchschnittliches monatliches Nettoeinkommen von 1 261 Euro. Dahinter steckt eine große Bandbreite an Verdiensten. Wer an einer Universität angestellt ist, erhält nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder knapp 3 600 Euro brutto, auf einer halben Stelle rund 1 800 Euro. Eine wissenschaftliche Hilfskraft kann mit etwa 1 200 Euro brutto rechnen. Daneben gibt es Stipendiaten sowie Promovierende, die sich über Aushilfsjobs und Lehraufträge über Wasser halten.

Von Christoph Cuntz