Rhein rügt „abstruse Thesen“

Ein Professor der Universität Kassel hat mit harscher, teils polemischer Kritik an der „Ehe für alle“ nicht nur in Nordhessen für erheblichen Wirbel gesorgt. Die Wellen...

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WIESBADEN/KASSEL. Ein Professor der Universität Kassel hat mit harscher, teils polemischer Kritik an der „Ehe für alle“ nicht nur in Nordhessen für erheblichen Wirbel gesorgt. Die Wellen der Empörung über die Aussagen des Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera reichten am Dienstag bis in die Landespolitik in Wiesbaden. Die SPD forderte Wissenschaftsminister Boris Rhein auf, zu den „diffamierenden Äußerungen“ klar Stellung zu beziehen.

„Staatlich geförderte Pädophilie“

Das tat der CDU-Politiker prompt. Der Hinweis der Universität Kassel auf die Wissenschaftsfreiheit sei zwar grundsätzlich zutreffend. Er halte die Thesen des Professors allerdings für „dermaßen abstrus, dass ich erwarte, dass die Universität in eigener Zuständigkeit prüft, ob der Professor als Beamter seine Pflichten verletzt hat, und gegebenenfalls disziplinarische Maßnahmen ergreift“, sagte Rhein. Kutschera habe sich „in abfälliger und herabsetzender Weise“ über homosexuelle Menschen geäußert.

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Er sehe mit der „Ehe für alle“ eine „staatlich geförderte Pädophilie und schwersten Kindesmissbrauch auf uns zukommen“, sagte Kutschera dem erzkatholischen Internetportal kath.net. Er begründete das damit, dass die jeweils 50-prozentige Übereinstimmung der Gene eines Kindes mit denen seiner Mutter und seines Vaters zu einer instinktiven Inzucht-Hemmung führe. Diese Hemmung entfalle in der Beziehung eines Mannes oder einer Frau zu einem Stiefkind – und damit auch bei homosexuellen Paaren, die durch künstliche Befruchtung oder Adoption Kinder bekämen.

Die wichtigste Aufgabe von Staatsführern bestehe darin, die ihnen anvertraute Population aufrecht zu erhalten, meinte Kutschera weiter. Daher sei die Ehe zwischen Mann und Frau vom Grundgesetz unter besonderen Schutz gestellt. Homo-Paare, also Mann-Mann- oder Frau-Frau-Verbindungen, dagegen seien „sterile, asexuelle Erotik-Duos ohne Reproduktions-Potenzial“.

Der Kasseler Erziehungswissenschaftler Harald Doenst bewertete die Ausführungen Kutscheras gegenüber der HNA als „wissenschaftlich hanebüchen“ und in weiten Teilen falsch. So gebe es genügend Homosexuelle, die sich reproduzierten und Eltern leiblicher Kinder seien.

Der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta) der Uni Kassel reagierte empört auf die „kruden Thesen“ Kutscheras. Er lädt für den heutigen Mittwochnachmittag zu einem „Regenbogenstraßenfest“ in Kassel ein. Man wolle Offenheit gegen Kutscheras Äußerungen stellen, sagt eine Sprecherin. Schließlich gehörten zum Asta ein Schwulen- und ein Frauen-Referat.

Das Präsidium der Uni Kassel erklärte: „Diese Universität und die Hochschulleitung haben immer deutlich gemacht, dass sie unterschiedliche Lebensentwürfe respektieren.“ Kutscheras Position werde keine Unterstützung in der Hochschulgemeinde finden. Im Übrigen könnten Professoren aber für ihre Äußerungen nicht nur die Meinungsfreiheit, sondern auch die Freiheit der Wissenschaft in Anspruch nehmen.