Wegen Sprengungen: Banken prüfen Abbau von Geldautomaten

Der Geldautomat in der Casteller Straße in Hofheim-Diedenbergen ist erneut Ziel von Automatensprengern geworden.

Banden gefährden mit dem Einsatz von Festsprengstoffen Menschenleben. Deswegen ist jetzt sogar der Abbau von Automaten ein Thema. Welche Standorte besonders bedroht sind.

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Wiesbaden/Mainz/Berlin. Es vergeht kaum ein Tag in Deutschland, ohne, dass irgendwo ein Geldautomat in die Luft gejagt wird. Auch in der Region sind immer wieder Standorte von Regionalbanken betroffen. So zuletzt geschehen in Diedenbergen (Hofheim), Babenhausen, Raunheim (Hessen), Simmertal und Trierweiler (Rheinland-Pfalz). Die Banken haben bislang keine wirkliche Waffe dagegen. Denn die Täter rüsten auf. Wurden früher vor allem spezielle Gasgemische genutzt, um Geldautomaten zu sprengen, setzen sie auf ihren Beutezügen heute zunehmend sogenannte Festsprengstoffe ein, um an das Bargeld zu gelangen. Sprengstoffe, die auch das Militär verwendet. Nach Angaben der Polizei können viele Automaten mittlerweile explosives Gas neutralisieren und so eine Explosion verhindern.

Der Umstieg auf Festsprengstoffe hat fatale Folgen - mit Gefahr für Leib und Leben. Denn sie verursachen ungleich heftigere Explosionen. So heftig, dass nach einer Geldautomaten-Sprengung mitunter ganze Gebäude einsturzgefährdet und nicht mehr bewohnbar sind. Die Banken sind verunsichert, erste Institute schließen nachts SB-Stellen oder bauen an neuralgischen Punkten Geldautomaten ab. So die Sparkasse Koblenz, die einem SWR-Bericht zufolge sowohl ihre SB-, als auch ihre Geschäftsstellen ab dem 9. Januar zwischen 23 Uhr und 5:30 Uhr schließt. Auch mit der Giro- oder Kreditkarte kommen die Kunden demnach dann nicht mehr hinein. Nur Einzelfälle? Mitnichten.

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Wie häufig werden Geldautomaten gesprengt?

Statistisch gesehen wird in Deutschland jeden Tag ein Standort gesprengt. Allein in Wiesbaden waren es von Mitte September bis Anfang November drei Stück. In Rheinland-Pfalz gingen in der letzten Novemberwoche fünf Geldautomaten in die Luft. Rheinland-Pfalz steuert sogar auf einen neuen Rekord zu: Laut Bundeskriminalamt schlugen Täter bis Mitte Dezember 2022 bereits 48 Mal zu. Im Gesamtjahr 2021 war es 23 Mal.

In Hessen ging die Zahl der Automatensprengungen bis Mitte Dezember zwar von 47 auf 38 zurück, allerdings von einem hohen Niveau. Denn im Gesamtjahr 2021 waren mit 56 nahezu doppelt so viele Automaten gesprengt worden wie 2020. Bundesweit sanken die Fallzahlen 2021 um 5,3 Prozent auf 392. Zuvor waren sie jedoch stark gestiegen. Zudem legten Festsprengstoff-Anschläge rasant zu. 2021 kam die Militärvariante rund 250 Mal zum Einsatz. 2020 nur 111 Mal. Die Lage ist so brisant, dass das Bundesinnenministerium am 8. November einen runden Tisch initiierte, an dem Kredit- und Versicherungswirtschaft, das Bundeskriminalamt sowie weitere Vertreter der Bundespolizei und der Polizeien der Länder einen Maßnahmenkatalog vereinbarten.

Wie sollen die Automaten besser geschützt werden?

Dazu gehört laut Bundesinnenministerium etwa der „Nachtverschluss von Selbstbedienungs-Foyers zwischen 23 und 6 Uhr”, der auch zunehmend umgesetzt wird. Heißt: Man kann nachts in den Filialen kein Geld mehr abheben. Als weitere Maßnahmen werden genannt die „Videoüberwachung von Bankfilialen sowie der Einsatz von Einbruchmeldetechnik und Nebelsystemen, die Anwendung von Einfärbe- oder Klebesystemen an Banknoten, die Reduktion des Bargeldhöchstbestandes sowie eine vermehrte Sensibilität bei der Auswahl der Geldautomatenstandorte”. Der letzte Punkt beinhaltet das brisanteste Problem: Wo ist die Gefährdungslage so hoch, dass der Automat abgebaut werden muss?

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Werden wegen der Sprengungen Automaten abgebaut?

Eine Option, die sehr vorsichtig kommuniziert wird, berührt sie doch den Service für die Kunden. Eine Option aber auch, die man nun, liest man zwischen den Zeilen, offenbar ziehen will. „Besteht an Standorten im Fall einer Sprengung besonders hohes Gefährdungspotenzial für unbeteiligte Menschen, kann es notwendig sein, diesen Standort während der Nacht oder auch ganz zu schließen”, teilte der Bundesverband deutscher Banken auf Anfrage mit. Wobei eine solche Entscheidung „aber erst nach Abwägung aller möglichen Risiken und Einflussfaktoren gefällt wird”. Möglich sei auch, „dass ein Geldautomat an einen anderen, weniger gefährdeten Standort versetzt wird.”

Vorsichtig formuliert es auch der Sparkassenverband. So könne die Prävention dazu führen, dass „in Einzelfällen” Standorte verlegt werden müssten. Allerdings ist in der Mitteilung auch vom „kompletten Abbau” die Rede. Konkret betont Verbandsvorstand Joachim Schmalzl: „Der komplette Abbau von Geldautomaten ist für uns zwar weiterhin die Ultima Ratio, aber alternativlos, wenn durch den für Kriminelle reizvollen Standort Gefahr für Leib und Leben Dritter besteht.”

Die Bildergalerie zeigt die Folgen einer Geldautomaten-Sprengung Anfang Juli im Mainzer Stadtteil Drais.

Selbst Autofenster gingen aufgrund der Druckwelle bei der Sprengung zu Bruch.
Selbst Autofenster gingen aufgrund der Druckwelle bei der Sprengung zu Bruch.
Selbst Autofenster gingen aufgrund der Druckwelle bei der Sprengung zu Bruch.
Selbst Autofenster gingen aufgrund der Druckwelle bei der Sprengung zu Bruch.
Der gesprengte Geldautomat in der Marc-Chagall-Straße in Mainz-Drais.
Der gesprengte Geldautomat in der Marc-Chagall-Straße in Mainz-Drais.
Der gesprengte Geldautomat in der Marc-Chagall-Straße in Mainz-Drais.
Der gesprengte Geldautomat in der Marc-Chagall-Straße in Mainz-Drais.

Welche Standorte sind besonders gefährdet?

In der Sparkassen-Mitteilung wird auch deutlich, welche Standorte besonders gefährdet sind. „Insbesondere Automaten, die an Wohngebäude angrenzen, werden dabei regelmäßig genauer betrachtet”, so Schmalzl. Denn mitunter reiche es möglicherweise nicht mehr aus, sämtliche verfügbaren Sicherungsmaßnahmen auszuschöpfen. In welchem Maße Geldautomaten zum Schutz vor Sprengungen nun abgebaut werden oder bereits abgebaut worden sind, dazu machen die Verbände keine Angaben. Die Zahl der Geldautomaten in Deutschland ist nach Daten des Statistikportals Statista nach sechs Jahren der Stagnation von 2019 bis 2021 um 3228 auf 55.136 zurückgegangen. Das entspricht einem Minus von 5,5 Prozent.

Im Sommer erwischte es einen Geldautomaten in Bürstadt.